Mein Buch über die Putzmacherin ist jetzt im Verlag Waxmann erschienen. Es handelt sich dabei um meine Dissertation, und als solche unterscheidet sie sich natürlich von meinen Beiträgen auf dieser Website. Während ich hier Fundstücke zur Putzmacherei kommentiere und erläutere, ihre Darstellung in Literatur und Kunst würdige und kritisch hinterfrage, ist ein wissenschaftliches Werk etwas völlig anderes. In der Wissenschaft geht es darum, neue Erkenntnisse zu gewinnen, und zwar so, dass die Grundlagen der Arbeit transparent und alle Schlussfolgerungen überprüfbar sind. Der Natur einer historischen Arbeit entsprechend wurden ausschließlich Sekundärquellen genutzt.

Ziel der Arbeit war es, den Beruf der Putzmacherin in seiner Entwicklung zu beleuchten. Der Fokus lag auf dem „langen 19. Jahrhundert“, wie der britische Historiker Eric Hobsbawm die Zeit zwischen 1815 und 1914 nannte. In dieser Zeit entwickelte sich die Putzmacherin zu ihrer größten Blüte – die mit dem 1. Weltkrieg und die folgenden tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderung auch ihr Ende fand.
Zunächst habe ich untersucht, welches Verständnis des Berufs sich in zeitgenössischen deutschsprachigen Lexika und Wörterbüchern widerspiegelt: Putzmacherinnen stellten eine große Anzahl unterschiedlicher Produkte her, handelten damit und boten entsprechend relevante Dienstleistungen an. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeiten verlagerte sich zum Ende des 19. Jahrhunderts hin zu Gestaltung, Produktion und Verkauf von Damenhüten.
Im nächsten Schritt wurden statistische Erhebungen Preußens, des Deutschen Bundes sowie des Deutschen Reiches dahingehend analysiert, ob und in welche Richtung sich die Zahl der Putzmacherinnen im Verlauf des 19. Jahrhunderts veränderte. Die Anzahl der Putzmacherinnen stieg zunächst an, das Verhältnis von Putzmacherinnen zu potenziellen Kundinnen veränderte sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts jedoch nicht mehr wesentlich; die absoluten Zahlen stiegen in ähnlichem Maße wie die Bevölkerungszahlen.
Die Berufstätigkeit von Putzmacherinnen wurde zwar durch die vorherrschenden rechtlichen Einschränkungen reglementiert (eingeschränkte Geschäftsfähigkeit von Frauen), für ledige Frauen bot der Beruf aber die Möglichkeit, selbständig als Unternehmerin tätig zu sein. Neben praktischen handwerklichen Fertigkeiten war dabei die Kenntnis über die jeweils aktuelle (Pariser) Mode einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Dafür nutzten sie primär Modezeitschriften, die seit den 1860er Jahren in immer größerer Vielfalt und Anzahl zur Verfügung standen. Die Selbständigkeit beinhaltete selbstverständlich auch alle Aspekte der praktischen Betriebsführung mit Finanzmanagement, Werbung und Personalführung.
Neben den selbständigen Putzmacherinnen wurden Putzmacherinnen auch abhängig als Arbeitnehmerinnen in Putzateliers oder in größeren Putzwerkstätten beschäftigt. Während zu Anfang des 19. Jahrhunderts noch der Kleinbetrieb vorherrschte, fanden sich ab den 1840er Jahren zunehmend auch größere Betriebe bis hin zu den Großbetrieben, die gegen Ende des Jahrhunderts die Nachfrage der großen, neu entstehenden Kauf- und Warenhäuser bedienen konnten. In den Warenhäusern entwickelte sich auch eine neuer Berufsschwerpunkt, die Putzverkäuferin, die zwar über Fachkenntnisse verfügen sollte, deren Schwerpunkt aber der Verkauf war. In größeren Putzateliers arbeiteten Mitte des 19. Jahrhunderts Putzmacherinnen manchmal auch in sehr prekären Arbeitsverhältnissen; die Aufdeckung und literarische Verarbeitung führten dazu, dass sich als Schattenbild zur selbständigen, modisch versierten Putzmacherin auch die Vorstellung der armen, bedürftigen Putzmacherin gesellschaftlich verankerte. Diese Bedürftigkeit ist einer der überlieferten Gründe für die überlieferte, aber kaum nachprüfbare Nähe zur Prostitution.
Eine wichtige Rolle im Gesamtbild der Berufsentwicklung spielten auch jene Frauen, die in privatem Rahmen Putzmacherei betrieben. Sie mussten sich ihr Material bei der Putzmacherin oder im Putzgeschäft, später auch im Kaufhaus beschaffen und lernten dabei den Beruf als Möglichkeit einer emanzipierten Selbständigkeit kennen.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich zunehmend Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für das Putzfach; es entstanden Ausbildungsinstitute, die auf eine praktische Tätigkeit zumindest theoretisch vorbereiteten. Putzmacherei galt als genuin weiblicher Beruf mit guten Aufstiegsmöglichkeiten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde dann der rechtliche Rahmen dafür geschaffen, dass die Handwerkskammern die Putzmacherei in ihr Kammersystem aufnehmen konnten und damit eine geregelte Ausbildung zur Verfügung stand. Damit befand sich die Putzmacherei auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Entwicklung, die jedoch durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 ein abruptes Ende fand. Danach verlor das Berufsbild an Bedeutung; welche Gründe dazu geführt haben, bleibt weiterer Forschung vorbehalten.
Ich bleibe am Ball.
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