Allgemein Fundstücke Putzmacherei und Putzmacherin

Hutkonstruktionen 1828 – und ihre Folgen

Die satirischen Drucke von George Cruikshank (1792-1878) sind immer besonders vergnüglich. Natürlich hat er sich auch immer wieder ausführlich mit den Auswüchsen und Absonderlichkeiten der Mode beschäftigt. Die Putzmacherinnen der 1820 hatten es seiner Meinung nach bei der Dimensionierung der Hüte etwas übertrieben. Cruikshank nutzt diese Steilvorlage in einer Zeichnung, die er dann selbst in eine Radierung überführt und veröffentlicht hat: „Designed, etched and published by G. Cruikshank, May 28 1828“. Die Abbildung habe ich der Sammlung des britischen Museums entnommen.

Satirische Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828 zur Mode der übergroßen Hüte: Bonnet Building
Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828: Bonnet Building

Im Zentrum steht als titelgebendes Bild das „Bonnet Building“, eine wirkliche baumeisterliche Aufgabe, für deren Ausführung eine ganze Schar hilfreicher Geister von Nöten ist.

Detail einer Satirischen Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828 zur Mode der übergroßen Hüte: Bonnet Buildung
Detail einer Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828: Bonnet Building

Auf der linken Seite überwacht eine Vorarbeiterin (?) mit einem Plan in der Hand („Ornamental“) die Arbeit der anderen Angestellten. Eine bringt mit der Schubkarre eine neue Schleife, während eine andere mit einer Heugabel eine weitere Schleife nach oben befördert. Zwei weitere Arbeiterinnen stehen auf Leitern und drapieren die Schleifen auf einem riesigen gelben Hut. Auf der rechten Seite ganz rechts sehen wir im blauen Kleid die Kundin, die ihrer Befürchtung Ausdruck verleiht, mit diesem Hut in keinen Wagen mehr zu passen: „‚It is excessively elegant indeed! but dear me! I shall never be able to get into a carriage with it“. Die Putzmacherin – elegant gekleidet mit farbenprächtigem Hut und dem „General Plan“ in der Hand – beruhigt ihre Kundin. Sie kenne da einen Wagenbauer für solche Spezialanfertigungen : ‚“O, make yourself perfectly easy about that Madam – A friend of mine is building carriages on purpose“.

Das größte Sorge ist also nicht das Ausmaß des – schätzungsweise knapp 2 Meter hohen – Hutes, sondern die Frage, wie man sich mit diesem Hut praktisch bewegen kann. Der Hut selbst, die Mode also, wird nicht in Frage gestellt. Und die Putzmacherin erweist sich nicht nur als künstlerisch aktive Baumeisterin, sondern auch als gut vernetzte Problemlöserin, die sofort einen Ausweg weis.

Im nächsten kleineren Bild werden die Widrigkeiten offensichtlich, die modisch gekleideten Damen allzu leicht begegnen.

Detail einer Satirischen Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828 zur Mode der übergroßen Hüte: Great Nash! Heed woman's proud desire, raise Storcy's Gate two stories higher. Lady Dashington's Bonnet stops the way.
Detail einer Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828: Lady Dashington’s Bonnet stops the way.

„Lady Dashington’s Bonnet Stops the Way“, so der Untertitel, und in der Tat gelingt es der besagten Dame kaum, durch das Gittertor zu gelangen, obschon sie die Krempe ihres Hutes zusammendrückt. Auf der linken Seite zeigt ein Soldat, wie ritterliches Verhalten geht, und hebt den Hut einer Dame mit der Spitze seines Bajonetts über das Gitter. Zwei Damen mit ebenso ausladenden Hüten kommentieren die Situation mit einem Stoßseufzer – analog zu „Oh my god!“ an den berühmten Baumeister Nash gerichtet: „Great Nash! heed woman’s proud desire, Raise Storey’s Gate two stories higher“. In Nash’s Namen möge doch bitte Storey’s Gate um zwei Stockwerke erhöht werden! Storey’s Gate war ursprünglich das Tor zum „Birdscage Walk“, also dem Vogelbauerweg. Hier erlaubt sich Cruikshanks einen weiteren kleinen Nadelstich gegen aufgeputzte Paradiesvögel …

Wie nun ein modischer (Riesen-)Hut zu transportieren sei, zeigt die nächste Abbildung: „Madame L’s Light Bonnet Van“.

Detail einer Satirischen Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828 zur Mode der übergroßen Hüte: Madame L's light Bonnet van
Detail einer Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828: Madame L’s light Bonnet Van

Eine elegant gekleidete Frau mit beachtlichem Hut ist hier die Pferdetreiberin eines groben, primitiven Karrens, auf dem ein riesiger Hut befestigt ist. Die ersten Schleifen haben sich offensichtlich gelöst, und die Pferde tun sich daran gütlich.

Von der Spezialanfertigung eines geeigneten Wagens war oben schon die Rede. Wie ein solches Gefährt aussehen könnte, zeigt ein Schnitt durch den Wagen: „Section of the Bonnet Carriage“.

Detail einer Satirischen Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828 zur Mode der übergroßen Hüte: Section of the Bonnet Carriage
Detail einer Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828: Section of the Bonnet Carriage

Der Wagen ist genau der Form des Hutes, ja der ganzen Person angepasst. Hübsch, dass der Kutscher eine Blume (?) zu tragen scheint. Ein Pferdegespann ist allerdings nicht zu sehen.

Wie denn eine Versammlung modischer Damen in der Kirche ausgesehen hat, zeigt die folgende Abbildung: „Bow Church Belles“

Detail einer Satirischen Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828 zur Mode der übergroßen Hüte: Bow Church Belles
Detail einer Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828: Bow Church Belles

Man sieht vor lauter Hüten kaum den Geistlichen in der Kanzel; überall nur riesige Krempen und enorme Schleifen (Bows). Wer noch die Zeit des Afro-Looks miterlebt hat, kann sich vielleicht an Situationen im Kino erinnern, bei denen in ähnlicher Weise die Sicht versperrt wurde.

Riesige Hüte erforderten riesige Hutschachteln, die der Verkäufer hier kaum tragen kann: „Buy a Bonnet-Box?“

Detail einer Satirischen Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828 zur Mode der übergroßen Hüte: Buy a Bonnet Box?
Detail einer Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828: Buy a Bonnet Box?

Der Verkauf von Hutschachteln durch Straßenverkäufer war seinerzeit eine normale Erscheinung auf Londons Straßen. Hutschachteln dieser Größe bringen aber eden braven Straßenhändler an seine Grenzen. Bei der potenziellen Kundin ist übrigens auch der überdimensionale Muff erkennbar.

Wie gefährlich solche großen Hüte sein konnten, illustriert das letzte Bild: „Fatal effects of tight lacing & large Bonnets (a cutting Wind)“

Detail einer Satirischen Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828 zur Mode der übergroßen Hüte: Fatal effects of tight lacing & large Bonnets (a cutting Wind)
Detail einer Radierung von George Cruikshank aus dem Jahr 1828: Fatal effects of tight lacing & large Bonnets (a cutting Wind)

Der schneidende starken Wind reißt hier die modebewusste Frau wortwörtlich auseinander. Der große gut festgebundene Hut wirkt als Segel, und die dünne Taille kann den Oberkörper nicht mehr halten. Das ist dann wohl „in Schönheit sterben“.

Ähnliche satirische Zeichnungen gab es zu vielen modischen Extravaganzen; besonders ergiebig und dankbar war später im 19. Jahrhundert die Mode der Krinoline. Aber daran hatte die Putzmacherin dann ausnahmsweise keine Schuld.

© Copyright Anno Stockem 2026

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