„Die Gartenlaube“ nimmt unter den Zeitschriften des 19. Jahrhunderts eine besondere Rolle ein. Die erste Ausgabe erschien 1853; sie entwickelte sich dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der größten bürgerlichen Massenmedien. Im Jahr 1875 erreichte sie eine Auflagenhöhe von 382.000 Exemplaren, und als – so im Untertitel bezeichnetes – „illustriertes Familienblatt“ wurde sie von der Familie, also mehreren Personen, gelesen. Eine durchschnittlichen Nutzung von 1,5 bis 2 Millionen Leser*innen ist sicher nicht zu hoch gegriffen. „Die Gartenlaube“ war in ihrer Blütezeit ein konservatives Unterhaltungsblatt mit viel „heiler Welt“; zu den vielen Autor*innen, die erfolgreich Fortsetzungsromane veröffentlichten, gehörten E. Marlitt ebenso wie Ludwig Ganghofer, Wilhelmine Heimburg und sogar Theodor Fontane.
Auch die Putzmacherinnen kamen natürlich vor, zählte der Beruf ja durchaus als bürgerlich akzeptierte Beschäftigung. Abgebildet wurde der Beruf in der „Gartenlaube“ als „heile Welt“, so auch in einem Holzstich nach einer Zeichnung von Paul Hey. Untertitelt ist sie: „Im Wettstreit. Nach einer Originalzeichnung von Paul Hey“.

Dazu findet sich folgender Text, der für sich spricht (Die Gartenlaube, Heft 19, S. 609, 612):
Wie viele von den Käuferinnen eleganter Hüte denken wohl einen Augenblick an die Herstellerinnen derselben? Im großen Prachtladen, wo die fertigen Kunstgebilde auf den Tischen prangen, ist nichts von jenen zu sehen; aber wer in demselben Haus eine Treppe höher steigt, der blickt wohl gegenüber durch ein Hoffenster hinein in die enge Werkstatt, wo so viel aparte Zierlichkeit aus den verschiedenartigsten Bestandteilen aufgebaut wird. Der Platz ist knapp bemessen, kein Fuß breit unbenutzt; dicht um den Tisch gedrängt, umgeben von Seide, Federn, Band und Blumen, sitzen die netten Mädchen und sticheln mit behenden Fingern drauf los, um aus einer rohen Hutform durch Besatz und Ausputz ein berückendes kleines Kunstwerk zu stande zu bringen. Die vier Mädchen auf unserem Bilde sind mit besonderem Eifer thätig. Der Genossin im Hintergrunde ist gerade ein hervorragend schöner Hut gelungen. Das reizt den Ehrgeiz der andern. Die fröhliche Unterhaltung und das lustige Lachen, die noch vor kurzem in der Werkstätte sich hören ließen, sind verstummt, und die Köpfe der jungen Damen beschäftigen sich lebhaft mit Kunstfragen. Blumen, Bänder und Federn gruppieren sich in ihren Gedanken zu geschmackvollen und originellen Arrangements, und dank diesem Wetteifer finden alle Freude an ihrer Arbeit.
Die Beschreibung ist der reine Kitsch. „Aparte Zierlichkeit“, „nette Mädchen“, „berückendes kleines Kunstwerk“ – und „alle (finden) Freude an ihrer Arbeit“. Hier wird lyrisch ein Märchenwunderland beschrieben, das mit der Realität so viel zu tun hatte wie das bürgerliche Puppenkochbuch mit einer Suppenküche. Im Deutschen Reich wurden in der Gewerbestatistik 1895 bereits 31.450 Putzmacherinnen verzeichnet, und man darf zusätzlich von einer hohen nicht erfassten Grauzone ausgehen. Eine derart romantische Werkstatt dürfte dort kaum zu finden gewesen sein.
Zum Künstler Paul Hey finden wir bei Wikipedia unter anderem die Aussage, dass er poetische, wirklichkeitsnahe Grafiken erschaffen habe. Bekannt wurde er durch seine Postkartenmotive, Illustrationen für Märchen und Kinderbücher. Zitat Wikipedia: „Er gilt als Maler des deutschen Gemüts. Moderne und Technik bleiben aus seinem Werk ausgeblendet.“ Das trifft es für die Abbildung der Putzmacherinnen sehr gut.
Ich besitze eine Variante des Bildes, die offensichtlich nach derselben Zeichnung von Paul Hey angefertigt wurde. Sie erschien im „Verein für Originalgrafik“ im Jahr 1899 und damit ein Jahr nach der Veröffentlichung in der Gartenlaube. Über den Verein ist leider nichts zu finden, er ist nicht identisch mit dem Schweizer Verein gleichen Namens, der erst später gegründet wurde.

Es handelt sich um eine Kaltnadel-Radierung, das Motiv wird dadurch expressiver. Die Stimmung ist aufgrund der dunkleren Gesamtanmutung deutlich ernster. Das Motiv wird seitenverkehrt abgebildet. Insgesamt wirkt das Bild stärker, weniger lieblich und nicht verkitscht. Hey hat die Radierung offenbar selbst angefertigt, auf jeden Fall legt dies das Monogramm unten rechts nahe. Im Gegensatz dazu wurden Holzstiche – wie in der „Gartenlaube“ genutzt – von Spezialisten nach einer Vorlage angefertigt. Was war zuerst? Gab es eine gemeinsame Vorlage – eben besagte Zeichnung? Es bleiben also Fragen über Fragen …
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