Im Pariser Modemuseum (Palais Galliena) habe ich eine hübsche kleine Gouache gefunden, die mit „Marchande de Modes“ ca. 1780 betitelt war. Naturgemäß war mein Interesse geweckt!

Im Zentrum des Bildes sehen wir eine aufwändig weiß gekleidete junge Dame, die (von ihr aus gesehen) nach links unten auf einen Stuhl schaut. Womöglich befand sich dort ein kleiner Spiegel? Oder ging es um die angelehnte Gitarre (?), ein „romantisches“ Instrument? Jedenfalls hebt sie die linke Hand, als ob sie dem anwesenden sitzenden Herrn etwas zu sagen im Begriffe ist. Besagter Herr (bei dem man nicht recht entscheiden mag, wie alt er ist) fasst sie am rechten Arm, vermutlich ebenfalls, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. So recht dasselbe wollen scheinen beide nicht. Immerhin: Die Farbe seines Rockes ist dieselbe wie die des Bandes an der Gitarre. Da gibt es also doch eine romantische Verbindung …?
Auffallend ist natürlich, dass die beiden anderen Damen sich primär um den Herrn zu kümmern scheinen; die titelgebende Putzmacherin, „Marchande de modes“ wird wohl die im Vordergrund hockende (?) Dame sein; sie ist jedenfalls deutlich aufwändiger gekleidet als die hintere, die womöglich eine Gehilfin ist. Die Putzmacherin ist ebenfalls dem Stuhl zugewandt und streckt auch die Hand in diese Richtung aus. Darin ein Stück Papier, es sieht so aus, als ob es ein Siegel trüge. Ein Liebesbrief von einem anderen Verehrer? Irgendwie gibt es eine geheime Komplizenschaft zwischen der Kundin und ihrer Putzmacherin.
Über den Künstler Philibert-Louis Debucourt finden sich bei Wikipedia einige Informationen. So erfahren wir, dass er immerhin 77 Jahre alt geworden ist (13.02.1755-22.09.1832), ein stattliches Alter für die Zeit! Debucourt „widmete sich dem Farbstich“, und diese Drucktechnik verdient eine kurze Erläuterung. Bei farbigen Stichen geht man ja üblicherweise davon aus, dass sie mit der Hand koloriert wurden. Das ist bspw. gesichert so bei den farbigen Modedarstellungen der frühen Modezeitschriften. Der Farbstich – häufiger der Farbenstich – nutzt verschiedene radierte Platten für den Druck. Das ist eine recht aufwändige Technik, die eine genaue Passtreue bedingt. Da die Platten angewärmt, die Blätter aber für den Druck feucht bleiben mussten, war eine Passgenauigkeit nur schwer zu erreichen, sodass es zu relativ hohem Ausschuss kam. Gedruckt wurde zunächst Blau, dann Gelb und zuletzt Rot; nur selten kam eine vierte schwarze Platte zum Einsatz. Ausführlich beschrieben ist die Technik von Julius Model und Jaro Springer: Der französische Farbenstich des XVIII. Jahrhunderts (Stuttgart o.J.), das über Wikimedia einsehbar ist. Das Verfahren ist so anspruchsvoll, dass es für die Darstellung aktueller Mode in den naturgemäß kurzlebigen Zeitschriften viel zu aufwändig bzw. teuer gewesen wäre.
Debucourt hat sich auch mit seinen Farbenstichen der Mode gewidmet und eine Serie von 52 Szenen“Modes et Manières du Jour à Paris, à la fin du 18eme Siècle et au Commencement du 19eme“ geschaffen. Einige seien hier zur Illustration vorgestellt:



Debucourt schafft hier Farbenstiche mit unterschiedlichen Szenen, bei denen die Erläuterung der Kleidung und somit der modische Aspekt erst an zweiter Stelle kommen. Die Mode ist hier ausnahmsweise einmal nur zweitrangig. Dass Debucourt sie im Titel („Modes et Manières du Jour à Paris“ an erste Stelle gesetzt hat, mag an einer vermutlich besseren Verkäuflichkeit des Themas Mode gelegen haben.
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