Putzmacherei und Putzmacherin

The Milliner 1804 – Putzmacherei aus englischer Perspektive

Oft wurden hier Aspekte der Putzmacherei nicht nur aus deutscher, sondern auch französischer Perspektive vorgestellt. Jetzt bin ich auf eine interessante englische Quelle gestoßen: „The Book of English Trades, and library of the useful arts“. Es erschien in mehreren Auflagen ohne Autor in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts, das mir vorliegende Exemplar erschien 1821. Meine Suche nach dem Beruf „Millinery“, also Putzmacherei, war zunächst leider vergebens. Fündig wurde ich dann aber doch noch im Kapitel „The Ladies‘ Dress-Maker“:

„Under this head we shall include not only the business of a Mantua-Maker, but also of a Milliner: for, although in London these two parts of in fact the same trade, are frequently separate, they are not always so, and in the country they are very commonly untited“.

Abbildung "The Ladies' Dress Maker" aus "The Book of English Trades" 1821
Abbildung „The Ladies‘ Dress Maker“ aus „The Book of English Trades“ 1821

Das war nun wirklich überraschend. Ein „Mantua-Maker“ (am ehesten noch als Damenschneider(in) übersetzt) und eine Putzmacherin im selben Topf? War der Autor oder die Autorin wirklich derart unwissend? Immerhin gibt es auf dem zugehörigen Kupferstich auch einen Hut zu sehen …

In besagtem Kapitel folgt nun zunächst ein kurzer Exkurs über die Unbeständigkeit der Mode, bevor dann doch wieder die Putzmacherin zum Thema wird:

„In the Milliner, taste and fancy are required; with a quickness in discerning, imitating, and improving upon various fashions, which are perpetually changing among the higher circles“.

Bei einer Putzmacherin sind also Geschmack und Phantasie gefragt, sowie die Fähigkeit, schnell auf die sich ständig verändernde Mode der besseren Kreise zu reagieren. Das erscheint dann doch sehr treffend. Im weiteren Verlauf des Artikels werden dann die unterschiedlichen Materialien vorgestellt, mit denen eine Putzmacherin umgeht; Seide und Satin, Gaze und Crêpe, Samt und Muslin, Bänder und künstliche Blumen. Erst danach widmet sich der Autor der eigentlichen Damenschneiderei. Faktisch hat also die Putzmacherei doch den ersten und wichtigeren Teil des Artikels abbekommen. Übrigens ist bemerkenswert, dass Putzmacherei hier ganz selbstverständlich als „business“ bezeichnet wird, auch wenn der Begriff im 19. Jahrhundert breiter gefasst war als heute.

Es wird noch interessanter durch eine weitere Recherche. Bei besagtem „Book of English Trades, and library of the useful arts“ handelt es sich um eine stark überarbeitete Version eines früheren Werkes mit sehr ähnlichem Titel, das in drei Bänden seit 1804 erschien: „The Book of Trades, or Library of the Useful Arts“. Hier findet sich im zweiten Band ein ganzes Kapitel über die Putzmacherin! Sehr elegant wird die Tätigkeit anhand einer Abbildung erläutert:

„The business of a MILLINER and the articles which she makes up for sale, are very well displayed in the plate. In the window of the shop are exhibitd hats, caps, and bonnets; a cloak, a muff, and a fur tippet; while the milliner herself is busily employed at her counter in making up a hat. The boxes on the floor are intended either to send home her work when finished, or they are meant to hold some of the articles belonging to her trade; as feathers, artificial flowers, muslin, gauze, crape, &c. The drawers in the counter are usually devoted to ribands of different widths colours, and prices; thread, laces, &c.“

Abbildung "Milliner" aus "The Book of Trades" 1804
Abbildung „Milliner“ aus „The Book of Trades“ 1804

Dieser Laden, diese Werkstatt ist in der Tat prototypisch für ein Putzmacheratelier und könnte ähnlich noch 100 Jahre und später so beschrieben worden sein. Ungewöhnlich aus heutiger Sicht ist lediglich der „cloak“ als Produkt der Putzmacherin, offensichtlich eine Art Umhang. Für das 19. Jahrhundert war ein solches breites Sortiment aber normal, man denke an Bertha Goldwag, die sich für Wagner sogar um Wäsche, Schlafröcke usw. kümmerte. Darüber habe ich einen eigenen Beitrag geschrieben.

Im Artikel über die Putzmacherin folgen dann detaillierte Erläuterungen über die von der Putzmacherin verwendeten Materialien, und dieser Teil wurde in der späteren Ausgabe mehr oder weniger übernommen.

Nach dem Eintrag über die Putzmacherin folgt im „Book of Trades“ ein Artikel über „The Feather-Worker“, einem Beruf, der zum Ende des Jahrhunderts einen sagenhaften Aufschwung erlebte. Dazu – später mehr.

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