Allgemein Fundstücke

Die Auflage von Modezeitschriften 1840

Immer wieder stellt sich die Frage, wie sich die Putzmacherinnen im 19. Jahrhundert über die aktuelle (Pariser) Mode informieren konnten. Zu den noch relativ einfach zu beschaffenden Quellen gehörten die Modezeitschriften. Die aktuelle Mode wurde allerdings fast ausschließlich in Paris definiert. Bis sie das deutsche Publikum erreichte, bedurfte es einer ausgefeilten Informations-Logistik.

Kopfputz aus "Modes de Paris" vom 20.08.1840
Kopfputz aus „Modes de Paris“ vom 20.08.1840

In aller Regel – wenn man von Briefen absieht, die schneller sein konnten – begann die Informationskette beim Pariser Zeitschriftenverleger. Die beobachtete Mode musste beschrieben und visuell in Kupferstiche übersetzt werden. Diese waren dann zu drucken und – ein sehr aufwändiger Prozess – farbgetreu zu kolorieren. Das Kolorieren allein kostete ungefähr genauso viel wie das Stechen, der Druck usw.! Die fertige Zeitschrift wurde dann ausgeliefert – und das bedeutete bei größeren Entfernungen durch einen berittenem Boten oder eine Postkutsche.

Es konnte also schon einige Tage dauern, bis eine Modezeitschrift aus Paris beispielsweise in Berlin eintraf. Ein dortiger Verlag kopierte dann die Bilder, und mangels anderer Alternativen bedeutete das, erneut Kupferstiche herzustellen und zu kolorieren. Einige Verleger kooperierten mit französischen Kollegen und erhielten direkt die Original-Druckplatten, was den Prozess deutlich beschleunigte. Die Texterstellung war dagegen schnell und einfach zu bewerkstelligen. Die Auslieferung an die deutschen Kund*innen bedurfte dann erneut einiger Tage, je nachdem, wie gut die Empfängerin im postalischen Prozess angebunden war. Für eine Putzmacherin war die Frage des Standortes daher von großer Bedeutung, um frühzeitig über die aktuelle Mode informiert zu sein.

Aufgrund des aufwändigen Prozesses fragt man sich, wie groß eigentlich die Auflage der Modezeitschriften war. Für das Jahr 1840 habe ich nun solche Auflagenzahlen gefunden. Das ist auch deshalb so interessant, weil sich so der Kreis der Abonnent*innen abschätzen lässt. Freier Verkauf von Zeitschriften war damals nur in einem sehr engen Umkreis vom Verlagsort erlaubt, und es herrschte Postzwang für den Versand. Daher wurden alle Zeitschriften lediglich im (quartalsweisen) Abonnement vertrieben.

Die Quelle handelt es sich um das „Bibliopolische Handbuch“ von 1840, erschienen in 4. Auflage bei Johann Jacob Weber; eine fünfte Ausgabe ist für 1841 nachweisbar, enthält aber nicht die hier benötigten Zahlen. Eine 6. Auflage wird in einer Rezension von Karl Gutzkow besprochen, ist aber heute nicht mehr nachweisbar (Statistik des Absatzes deutscher Zeitschriften und Zeitungen. In: Telegraph für Deutschland. Hamburg. Nr. 6, [9.] Januar 1843, S. 21–22)

Titelseite des Bibliopolischen Jahrbuches von 1840, erschienen bei Johann Jacob Weber
Titelseite des Bibliopolischen Jahrbuches von 1840, erschienen bei Johann Jacob Weber

Für 1840 werden folgende Modezeitschriften genannt (die Abkürzungen des Originals habe ich ausgeschrieben und zum Teil gekürzt). Manche Details sind der besseren Vergleichbarkeit halber umsortiert. In einigen Fällen habe ich die Auflagen aus der 6. Auflage gemäß der Rezension von Gutzkow hinzugefügt.

Mit Nennung der Auflage (sortiert nach Auflagenhöhe):

  • Allgemeine Modenzeitung. Herausgegeben von Diezmann. Jährlich 104 Nummern. Mit den Beilagen Bilder-Magazin; Tagesbericht für die Modewelt; Intelligenzblatt“. Leipzig, Baumgärtner’s Buchhandlung. Auflage 4.000 (6.A.: 4.500)
  • Berliner Modenspiegel in- und ausländischer Originale. Eine Zeitschrift für die elegante Welt. Herausgegeben von A. Cosmar. Jährlich 52 Nummern. Berlin, Expedition (Cosmar). Auflage 1.700 für Deutschland, 1.100 für Rußland und Polen [Zusammen also 2.800 Exemplare, Anm. Ansto]
  • Schnellpost für Moden. Magazin für die elegante Welt und alle Kunst- und Gewerbtreibende, welche für jene wirken. Jährlich 52 Nummern. Leipzig, Baumgärtner. Auflage 2.000
  • Europa, Chronik der gebildeten Welt. Herausgegeben von Lewald. In Bänden à 13 Lieferungen. Stuttgart, Literatur-Comptoir. Auflage 1.600 (6.A.)
  • Das Nordlicht. Feuilleton für Literatur, Kunst, Theater, Mode und geselliges Leben. Herausgegeben im Verein der bekanntesten Belletristen unserer Zeit von Mettler und Hammer. Jährlich 104 Nummern. Leipzig, Gebhard und Reisland. Auflage 1.000
  • Zeitung für die elegante Welt. Herausgegeben von Kühne. Leipzig, Voss. Auflage 1.000
  • Eilpost für Moden. Nebst Beiblatt „Der Salon“. Herausgegeben von Ferdinand Stolle. Jährlich 52 Nummern. Leipzig, Expedition (Meissner). Auflage 800
  • Der Elegante. Ein Monatsblatt für Herren-Kleidermacher und Modefreude. Herausgegeben von Biedenfeld. Jährlich 12 Nummern. Weimar, Voigt. Auflage 700

Ohne Nennung der Auflage (alphabetisch):

  • Allgemeine Theaterzeitung, und Originalblatt für Kunst, Literatur, Musik, Mode und geselliges Leben. Herausgegeben von Bäuerle. Jährlich 260 Nummern. Mit Abbildungen und Modebildern. Wien, Gerold.
  • Hamburger Mode-Journal, nach Pariser, Wiener und Londoner Originalen. Jährlich 104 Nummern. Hamburg, Schubert und Comp.
  • Neue Pariser Modeblätter. Herausgegeben von Amalie Schoppe. Jährlich 52 Nummern. Hamburg, Herold.
  • Pariser Journal für Mannkleidermacher. Jährlich 24 Nummern. Aachen, Chremer’sche Buchhandlung.
  • Pariser Modenzeitung für deutsche Frauen. In französischer und deutscher Sprache. Jährlich 52 Nummern. Aachen, Cremer.
  • Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode. Mit der Beilage: Allgemeines Notizblatt. Herausgegeben von Witthauer. Jährlich 156 Nummern.

Eine detaillierte Analyse würde hier den Rahmen sprengen. Beachtlich jedenfalls die Auflagenhöhe bis zu 4.000 bzw. 4.500 Exemplaren; dafür mussten z.B. die Kupferplatten für die Abbildungen mehrfach kopiert werden. Die Redaktion des Jahrbuches 1840 konnte natürlich nur Informationen des Jahres 1839 berücksichtigen; das Vorwort datiert vom Februar 1840. So erklärt sich, dass z.B. der „Berliner Modenspiegel in- und ausländischer Originale“ noch enthalten ist, obwohl er Ende 1839 sein Erscheinen einstellte. Die beiden genannten Magazine „Der Elegante“ und „Pariser Journal für Mannkleidermacher“ fanden sich übrigens nicht wie die anderen in der Rubrik „Belletristik. Bildende Kunst. Mode.“, sondern unter „Mathematik, Astronomie. Technologie. Handlungswissenschaft (incl. Buchhandel). Berg- und Hüttenkunde. Kriegswissenschaft.“ Vermutlich war man der Ansicht, dass Männer häufiger diese Sektion lesen würden und daher auch hier die entsprechenden Zeitschriften zu platzieren seien.

Die oben schon erwähnte Rezension des Handbuches durch Karl Gutzkow enthält einen wunderbaren Absatz zur Relativierung der Auflagezahlen, den ich hier nicht unterschlagen möchte:

„Der Buchhändler J. J. Weber in Leipzig hat in seiner von Hitzig geleiteten Preßzeitung ein Organ gestiftet, für welches ihm die Freunde wissenschaftlicher Preß-Rechtsbegründung um so dankbarer seyn müssen, als es in der Natur einer solchen Zeitschrift liegt, nur einen gewählten Kreis Betheiligter zu interessiren. Neben der Preßzeitung läßt derselbe Verleger jährlich in geschmackvollster Ausstattung ein bibliopolisches und bibliographisches Jahrbuch erscheinen, von welchem so eben der sechste Jahrgang ausgegeben wird. Den diesmaligen Inhalt bilden gesammelte gesetzliche Verfügungen über die deutsche Presse, ein vollständig geordnetes Buchhändlerverzeichniß, ein Bücherkatalog und ein Verzeichniß sämmtlicher deutscher Zeitschriften, wissenschaftlicher und politischer, allgemeiner und lokaler.

An diesem Zeitungskataloge sind die Angaben der Auflage sehr interessant. Interessant in doppelter Hinsicht. Die Besitzer und Herausgeber der Zeitschriften haben selbst bestimmt, wie stark ihr Absatz ist. Wo diese Angaben der Wahrheit entsprechen, wer möchte für die Belehrung nicht dankbar seyn? Entsprechen sie aber auch der Wahrheit? Ich glaube nur zum kleineren Theil. Man muß eine etwas tiefer gehende Kenntniß der deutschen Preßzustände haben, (und Ref. glaubt diese zu besitzen) um aus diesen Selbstschätzungen herauszuerkennen, was ehrliche Wahrheit, was renommistische Erfindung ist. Freilich sagen diese ehrlichen Leute, wir geben ja nur unsere Auflage, nicht unsern Absatz an. Aber welche Zeitschrift druckt Jahr ein Jahr aus Makulatur? Wer wird Papier und Druck verschwenden, ohne Hoffnung auf Absatz? Man sieht in diesem Verzeichniß Blätter mit 1000 Exemplaren Auflage prunken, die notorisch nicht 200 absetzen. Dieser Mangel an Ehrlichkeit ist nicht schön. Er verwirrt die Kenntniß des deutschen Preßwesens.

Bei (politischen) Zeitungen gehen wir sicherer. Der Zeitungsstempel ist eine Controle, die uns über den wirklichen Absatz einer Zeitung sogleich aufklären kann. Die Regierung würde eine übertriebene Angabe sogleich dadurch strafen, daß sie für das Plus derselben die Stempelvergütung forderte. Und doch sieht man in dem Verzeichniß auch einige gestempelte Zeitungen, die sich nicht scheuen, ihre Auflage um zwei Drittheile zu hoch anzugeben!

Gutzkow, Karl: Statistik des Absatzes deutscher Zeitschriften und Zeitungen. In: Telegraph für Deutschland. Hamburg. Nr. 6, [9.] Januar 1843, S. 21–22

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