Fundstücke Putzmacherei und Putzmacherin

„Must-have“ für die elegante Frau im 18. Jahrhundert: Ein Blitzableiter!

In der Encyklopädie von Johann Georg Krünitz findet sich im Band 44, erschienen im Jahr 1788, ein längerer Abschnitt zum „Kopf-Putz“ mit u.a. einer detaillierten Auflistung aktueller Kopfzeuge.

Kopfputz "à la Harpie" aus der Oekonomischen Encyklopädie von Krünitz, Band 44
Kopfputz „à la Harpie“ aus der Oekonomischen Encyklopädie von Krünitz, Band 44

Die hier abgebildeten Beispiele zeigen sehr gut den teils beträchtlichen Umfangs der Kopf-Putze, und die bei Krünitz zu findende Warnung war damals sicher hilfreich und sollte auch heute noch ihre interessierten Leser*innen finden:

„Der großen Gefahr, worin Frauenzimmer, welche einen mit metallenem Draht aufgesteiften hohen Kopf=Putz tragen, sich zur Zeit eines Gewitters befinden, ist im XVIII Th. S.249, beyläufig Erwähnung geschehen. Ich muß hier etwas ausführlicher davon sprechen, denn man kann das schöne Geschlecht nicht genug davor warnen.

Man hat Beyspiele von menschlichen Körpern, die ohne die Vermittelung einer elektrischen Substanz elektrisch geworden sind, und so gar mit einem unangenehmen Gefühle und mit der äussersten Empfindlichkeit der Nerven Feuer=Funken von sich gegeben haben. Brydone (in seiner Reise durch Sicilien und Malta, Th. 1. S. 195.) erzählt von einem Frauenzimmer in der Schweitz, welches, so oft die Witterung sich änderte, empfindlich gewesen ist, und ihre elektrische Empfindungen bey hellem Wetter, oder wenn Donner=Wolken vorüber gegangen sind, gehabt hat. Ihre Krankheit wurde, wie gewöhnlich alle Krankheiten, welche den Aerzten räthselhaft sind, für eine Nerven=Schwäche gehalten; allein man entdeckte bald nachher, daß man den Grund derselben in ihren seidenen Strümpfen und dem metallenen Drahte ihrer Kopfzeuge zu suchen Ursache hatte. Ein Frauenzimmer, deren Haupt mit einer Haube von Draht bedeckt, und deren Haar voll metallener Haar=Nadeln ist, und die zugleich seidene Strümpfe trägt, und also gleichsam auf trockner Seide steht, ist in aller Absicht eben das, was ein an die Sonne gestellter und zum Anziehen des Feuers aus der Atmosphäre zubereiteter elektrischer Conductor ist; und es wäre gar nicht zu bewundern, wenn sie während eines Donner=Wetters, oder wenn die Luft sehr mit elektrischer Materie angefüllt ist, Funken von sich gäbe, und andere Erscheinungen der Elektricität darstellte. Eine ganz kleine Veränderung in den Kleidungsstücken, welche bey der großen Veränderlichkeit ihrer Moden wohl einmahl Statt finden könnte, würde die Krankheit dieses Frauenzimmers unter dem ganzen schönen Geschlechte recht epidemisch machen. Sie dürfen nur ihre Schuh=Sohlen von einer elektrischen Materie machen, und den Draht ihrer Kopfzeuge und ihre Haar=Nadeln etwas verlängern, und die Spitzen davon auswärts kehren lassen, so ist wohl kaum daran zu zweifeln, daß sie sich oft in einem elektrischen Zustande befinden werden; doch wenn sie auch nur seidene Strümpfe tragen, so kann dieses zuweilen schon hinlänglich dazu beytragen.

Wie wenig stellen sich doch unsere Frauenzimmer, wenn sie ihren Kopf mit Draht umgeben, und zugleich seidene Schuhe, Strümpfe und Handschuhe tragen, vor, daß sie ihren Körper auf eben dieselbe Art, und nach eben denselben Grundsätzen, zubereiten, elektrisch zu werden, wie derjenige, der elektrische Versuche anstellt, die Ketten und Schnüre zubereitet, um den Blitz an sich zu ziehen! Könnte man sie nicht bereden, ihre Hauben von Draht und ihre Haar=Nadeln fahren zu lassen, so sollten sie sich doch wohl entschließen, sich des Verwahrungs=Mittels zu bedienen, welches man in neuern Zeiten zur Erhaltung von weit weniger wichtigen Dingen gebraucht hat. Ein jedes Frauenzimmer müßte sich nähmlich mit einer kleinen Kette oder einem Drahte versehen, die sie nach Belieben während des Donner=Wetters an sich haben könnten. Diese Kette oder dieser Draht müßte von ihrem Kopfzeuge über den dicksten Theil ihrer Haare, welche das Feuer von ihrem Kopfe abhalten werden, herunter bis auf die Erde gehen, und auf diese Art die Communication zwischen dem elektrischen Feuer und ihrem Kopfe aufheben. Es ist klar, daß diese Kette auf eben die Art wirken würde, wie die Stangen auf den Kirch=Thürmen, wegen der metallenen Spitzen, die man gemeiniglich darauf setzt, und die so viel Aehnlichkeit mit den Haar=Nadeln und mit dem Drahte haben. Die Damen mögen immer hierüber lachen, obgleich zum bloßen Spaß die Sache gewiß zu ernsthaft ist. Mistreß Douglas, in London, verlor durch eine solche mit Draht besetzte Haube beynahe ihr Leben. Sie stand nähmlich bey einem Gewitter an einem offenen Fenster; der Draht zog den Blitz an sich, und die Haube wurde zu Asche verbrannt. Zum Glück war ihr Haar in seinem natürlichen Zustande, ohne Puder, Pomade und Haar=Nadeln, und verhinderte den Blitz, sich ihrem Kopfe zu nähern. Denn da sie nicht den geringsten Stoß oder Erschütterung empfand, ist es wahrscheinlich, daß der Blitz von dem Drahte der Haube in die Mauer, an welcher das Frauenzimmer stand, gefahren sey. Wenn er durch irgend eine Art von Conductor nach ihrem Kopfe oder nach ihrem Leibe wäre geleitet worden, so hätte sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, ihr Leben dabey eingebüßt. Ein gutes starkes Haupt=Haar ist, wenn es ganz trocken und rein gehalten wird, wohl eines der besten Verwahrungs=Mittel gegen den Blitz. Sobald es aber voll Puder und Pomade ist, und mit Nadeln zusammen gesteckt wird, verliert es seine zurücktreibende Kraft, und zieht vielmehr das elektrische Feuer an sich.

Krünitz, Johann Georg: Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft. Bd. 44, S. 128-129

Nichts anderes als das Mitführen eines Blitzableiters wird hier also empfohlen. Nun, glücklicher Weise entwickelte sich die Hutmode ja wieder in Richtung einer gemäßigteren Höhe, sodass es insgesamt wohl wenige putzbedingte Todesfälle gegeben haben dürfte.

Für die Karrikaturisten waren die Frisuren jedenfalls ein Fest, und eine besonders schöne von Johann Martin Will sei hier noch am Schluss vorgestellt:

Karikatur auf die Frisurenmode Ende 18. Jh. Von J. M. Will
Karikatur auf die Frisurenmode Ende 18. Jh. Von J. M. Will

© Copyright Anno Stockem 2022

Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, melden Sie sich gerne zum Newsletter von ansto.de an!

One thought on “„Must-have“ für die elegante Frau im 18. Jahrhundert: Ein Blitzableiter!

  1. Wunderbar…diese Blitzableiter=Geschichte. Mir fiel auf dass die Trennung von Substantiven, wie sie heute unter dem Signum „einfache Sprache“ vorgenommen wird, offensichtlich Vorläufer hat. Sicherlich galt das damals nicht der Heranführung später Lerner an die Sprache, eher könnte ich mir ein Angleichung an tonangebende Sprachen Europas vorstellen.
    Mit vorzüglicher Hoch=Achtung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.