Allgemein Putzmacherei

100 Berufe für Frauen und Mädchen des deutschen Mittelstandes

Der Ratgeber von Käthe Schrey stammt aus dem Jahre 1915 (Schrey, Käthe: 100 Berufe für Frauen und Mädchen des deutschen Mittelstandes. Verlag Otto Beyer, Leipzig 1915). Der Kontext für die Berufswahl wird darin ebenso geschildert wie die Möglichkeit der Ausbildung und die Aufstiegschancen. Folgende Punkte erscheinen mir besonders interessant:

  • Zitat: „Die vorliegende Sammlug von Aufsätzen, die zunächst, wenn auch in anderer Fassung, zum großen Teil in der Deutschen Frauenzeitung und in der Deutschen Modezeitung erschienen sind, bietet einen Überblick über die hauptsächlichsten Berufs- und Erwerbsmöglichketen der deutschen Frauenwelt“ (a.a.O., S. 3). Beide Zeitschriften kamen ebenfalls aus dem „Verlag Otto Beyer“. Die „Deutsche Modenzeitung“ erschien seit 1890 und erreichte 1939 eine Druckauflage von knapp 300.000 Exemplaren (Moderegger, Johannes Christoph: Modefotografie in Deuschland 1929-1955, Norderstedt, Libri BoD 2000, S. 86 (Dissertation)). Man darf davon ausgehen, dass es 1915 auch schon mehr als 100.000 Exemplare gewesen sind. Beide Zeitschriften zusammen erreichten also eine große Leserschaft.
  • Die aufgezählten Berufe sind von großer Spannbreite und umfassen Berufe in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Stufen. Das Spektrum reicht von der Aushilfsangestellten bis zur Zweiggeschäftsleiterin, von der Irrenpflegern bis zur Oberlehrerin, von der Kochfrau bis zur Gutsherrin. Auch die wissenschaftlichen Berufe werden erstaunlicher Weise behandelt, und Juristin oder Bakteriologin waren damals sicher ungewöhnlichere Karrieren.
  • Die Verdienstmöglichkeiten werden fast immer auch benannt. Dabei ist der Autorin klar, dass es dabei eine große Spreizung gibt; entsprechend groß sind die „von-bis“-Werte.
  • Die konservative und gleichzeitig pragmatische Grundhaltung wird im ersten Kapitel „Zur Berufswahl“ sehr deutlich:
    „Einerseits sind durch die mittelbaren und unmittelbaren Folgen des Krieges eine beträchtliche Anzahl Frauen in reiferen Jahren gezwungen, einen Erwerb zu suchen. Von größerer Bedeutung ist die durch den Krieg verursachte Einschränkung der Ehemöglichkeiten. Mehr junge Mädchen noch als bisher werden in dem Beruf nicht allein den Erwerb, sondern auch den hauptsächlichen Lebensinhalt finden müssen, und der Gedanke „Sie wird doch wohl heiraten und später keine Verwendung für die teure Ausbildung haben“, … ist weniger angebracht denn je.“ (a.a.O., S. 9). Ein ähnliches Phänomen zeigte sich in und nach dem zweiten Weltkrieg, bei dem durch den akuten Mangel an männlichen Arbeitskräften Frauen viele bis dato ungewohnte Tätigkeiten übernahmen.
  • Der Verlag Otto Beyer veröffentlichte im übrigen später sehr erfolgreichen Handarbeits- und Modezeitschriften, z.B. „Beyers Mode für alle“ und „Beyers Monatsblatt für Handarbeit und Wäsche“, seit 1933 „Hella. Mode – Roman – Film – Sport – Haushalt“, seit 1941 „Die Mode“ und nach dem Krieg „Beyer Mode“ (vgl. Zika, Anna: Ist alles eitel? Zur Kulturgeschichte deutschsprachiger Modejournale zwischen Aufklärung und Zerstreuung 1750-1950. VDG, Weimar 2006, S. 176, S. 241ff., S. 268).

Das Inhaltsverzeichnis habe ich hier für einen Überblick über die unterschiedlichen Berufsbeschreibungen komplett eingefügt:

Natürlich findet sich in diesem Werk auch der Beruf der Putzmacherin (a.a.O., S. 161 – 164). Auch hier fehlt es – wie an vielen Stellen des Buches – nicht an nationaler, möglicherweise kriegsbedingter Emphase: „Vielleicht bringt uns der allgemeine völkische Aufschwung auch eine deutsche Hutmode – einige verheißungsvolle Ansätze dazu sind vorhanden“ (a.a.O., S. 161).

Käthe Schrey beschreibt auch kurz die verschiedenen Karrierestufen, die eine angehende Putzmacherin durchläuft: Nach der Lehrzeit (2-3 Jahre) wird man Zuarbeiterin, bei entsprechender Begabung dann Garniererin (dabei oft Gesellin). Nach einigen Jahren kann die Garniererin dann Werkmeisterin werden.

Ein Gehalt nennt sie für die Lehrzeit nicht, verweist aber indirekt darauf: „Das Putzmachen ist jetzt fast überall in Deutschland handwerksmäßig geregelt“ (a.a.O., S. 162). Vermutlich enthielten die regionalen Handwerksordnungen Regelungen für Entlohnung bzw. Lehrgeld. Für Zuarbeiterinnen gibt Schrey ein Gehalt von 30-60 Mark an, für Garniererinnen zunächst 75-90 Mark, später 100-130 Mark. „Das Gehalt einer Werkmeisterin schwankt zwischen 150-300 M. monatlich, je nach den Anforderungen, doch gibt es auch Stellungen mit 5.000-6.000 M. Jahresgehalt“ (a.a.O., S. 163). Das würde sich übersetzen in bis zu 500 Mark monatlich. Als jährliches Durchschnittseinkommen findet sich bei statista.com für das Jahr 1915 ein Betrag von 1.178 Mark, monatlich also 98 Mark (Statista, „Durchschnittliches Bruttoarbeitseinkommen der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer im Deutschen Kaiserreich in den Jahren 1891 bis 1918 (in Reichsmark), Abruf 09.11.2020). Die deutsche Bundesbank hat eine Tabelle veröffentlicht, in der die Kaufkraft einer Mark von 1915 ungefähr 4 Euro im Jahr 2019 entspricht. Diese Zahlen können nur ansatzweise ein Gefühl dafür vermitteln, wie die wirtschaftliche Situation der arbeitenden Bevölkerung damals ausgesehen hat.

Ein eigenes Geschäft, die Selbständigkeit, wird von Käthe Schrey durchaus auch kritisch gesehen: „Die selbständigen Unternehmerinnen in diesem Gewerbszweig sind verhältnismäßig weniger gut gestellt“ (bezieht sich auf die Verdienstmöglichkeiten der Werkmeisterinnen) (a.a.O., S. 163). Sie fügt einen guten Rat an: „Ausdrücklich möchte ich betonen, dass es bei der selbständigen Führung eines Geschäftes nicht mit Fachkenntnissen allein getan ist, es gehört auch allgemeines kaufmännisches Wissen dazu und – nicht zu wenig Kapital! Dieses Selbstverständliche muss gerade Frauen immer wieder gesagt werden“ (ebd.).

Den kompletten Text der Ausführungen zur Putzmacherin füge ich hier bei.

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