Fundstücke Textiles

Berichtsbuch Preussische höhere Fachschule für Textil-Industrie Aachen

Vorstellen möchte ich hier ein ungewöhnliches Berichtsbuch. Der Autor war Ende der zwanziger Jahre Schüler an der Preussischen höheren Fachschule für Textilindustrie Aachen. Während der zweijährigen Ausbildung hat er ein Berichtsbuch verfasst, handgeschrieben mit vielen Stoffmustern, Zeichnungen usw. Das Buch habe ich von seinem Enkel erwerben können, von dem ich auch weitere persönliche Daten erfahren habe.

Der Verfasser des Buches, Matthias Reiners, wurde am 24.02.1886 in Mönchengladbach geboren und ist am 04.02.1975 in Aachen verstorben. Gem. vorliegender Heiratsurkunde hat er am 01.12.1916 geheiratet und damals seinen Beruf als „Betriebsleiter“ benannt.

Matthias Reiners 1944
Foto von Matthias Reiners, ca. 1944

Seinen ersten Tuchversand gründete er noch weit vor dem Krieg in Mönchengladbach, infolge totaler Zerstörung erfolgte dann der zweite Start als „Aachener Tuchversand Matthias Reiners“ nach dem Krieg in Aachen. Diese Firma wurde dann Ende der 70iger/Anfang 80iger Jahre aufgelöst, da die Zunft der Schneider und Schneiderinnen immer kleiner und bedeutungsloser wurde. (Das Bild datiert von 1944).

Die Preussische höhere Fachschule für Textilindustrie Aachen war bereits 1883 gegründet worden. Auskunft über die Geschichte gibt die Gedenkschrift „50 Jahre Preussische höhere Fachschule für Textilindustrie in Aachen 1883-1933. Verlag Eckhardt & Petsch, Düsselorf 1933“. Diese Festschrift enthält neben einigen Fachaufsätzen und Anzeigen auch eine kurze Geschichte der Fachschule, inkl. der Lehrkräfte. Aus einigen im Berichtsbuch eingeklebten Landkarten ist eine Datierung auf die Jahre 1928-1929 wahrscheinlich. So finden sich im Berichtsbuch auch kleine Korrekturhäkchen und Unterschriftskürzel, die sich dem „Probelehrer“ Wilhelm Klusmeyer (1927-1928) und dem Studienrat Max Dubrau (seit 1929) zuordnen lassen.

Titelseite: 50 Jahre preussische höhere Fachschule für Textilindustrie in Aachen 1883-1933

Die Gewerbeschule finanzierte sich u.a. durch eine jährliche Umlage von 30.000 Mark, die von der Aachener Textilindustrie aufzubringen war. Ab dem 1. April 1929 wurde diese Regelung abgeschafft, und der Webeschulverein musste diesen Betrag selbst aufbringen. „Durch ein intensives, restloses Einsetze aller persönlichen und sachlichen Möglichkeiten ist es dem Vorstand des Webeschulvereins vermittels seiner Lohnbetriebe denn auch bis heute (i.e. 1933) gelungen, … die Schule zu erhalten, …“ (ebd., S. 7) Dieser Lohnbetrieb konnte dabei auf die allerneueste Maschinerie zurückgreifen, die der Schule von Aachener (und anderen) Maschinenfabriken vermutlich zu Sonderpreisen verkauft wurde. Schließlich sollten die Absolvent*innen gleich die neueste Technologie beherrschen. Einige Bilder zeigen den beeindruckenden Maschinenpark; merkwürdig heraus fällt das Bild aus der Stopfwerkstatt; es war durchaus üblich, kleinere Gewebefehler zu beheben, und es waren offensichtlich nur Frauen, die hier in handwerklicher Tätigkeit gezeigt werden.

Das Berichtsbuch selbst zeichnet sich durch eine ungeheure Sorgfalt aus. Rechtschreibfehler oder Korrekturen sind nicht festzustellen. Das Buch umfasst mehrere umfangreichere Kapitel; die Seiten wurden jeweils neu nummeriert:

  • Warenkunde (86 Seiten)
  • Angewandte Textil-Chemie (20 Seiten)
  • Material-Lehre (40 Seiten)
  • Bindungslehre (28 Seiten)
  • Fach-Rechnen (14 Seiten)
  • Muster zerlegen und berechnen (28 Seiten)
  • Appretur-Lehre (28 Seiten)

Einige Seiten habe ich hier abgebildet. Eine weitere Beforschung des Buches wäre sicher interessant, muss aber leider derzeit aus Zeitgründen unterbleiben. Zu den Fachschulen für Textilindustrie habe ich an anderem Ort noch etwas geschrieben.

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