Putzmacherei und Putzmacherin

Die Prostituierte als Putzmacherin bei John Gay

In einem Artikel von Kimberly Chrisman Campbell (The Face of Fashion: Milliners in Eighteenth-Century Visual Culture. British Journal for Eighteenth-Century Studies (25), 2002, S. 157-171) fand ich folgenden Hinweis auf die „Verkleidung“ von Prostituierten als Putzmacherinnen. Sie schreibt:

„After going into service, prostitution was a poor woman’s last resort. Though not all milliners dabbled in prostitution, their lifestyles were undeniable compatible. John Gray’s poem ‚Trivia: or, the Art of Walking the Streets of London‘ describes a prostitute masquerading as a milliner. With an empty bandbox under her arm, she can roam freely around London, withot raising any suspicion. By the late 1700s ‚milliner‘ was practically a code word for ‚whore‘ …“

Campbell, Kimberly Chrisman: The Face of Fashion: Milliners in Eighteenth-Century Visual Culture. British Journal for Eighteenth-Century Studies (25), 2002, S. 166

Dieser Hinweis war mir Anlass, einmal die Quelle herauszusuchen, die glücklicherweise frei im Netz zugänglich ist. Es handelt sich um ein sehr umfangreiches Gedicht namens „Trivia“ von John Gay (1685-1732); in insgesamt 3 Büchern und ca. 1000 Zeilen schildert er die vielen Aspekte des Londoner Straßenlebens. Er zeigte sich dabei als ein scharfer und sensibler Beobachter.

Titelseite von "Trivia", einem Werk von John Gay 1716
Titelseite von „Trivia“, einem Werk von John Gay 1716

Ich zitiere hier den Absatz, in dem die Verkleidung einer Prostituierten als Putzmacherin beschrieben wird. Beide Rollen werden nicht direkt benannt, gleichwohl wird aber unzweifelhaft deutlich, wer gemeint ist. Einerseits ist es die hochgeschürzte, geschminkte Frau, die an der Eingangstür der Kneipe die Männer anspricht. Sie hat aber eine leere „Bandbox“ bei sich, den Vorläufer der Hutschachtel, die eigentlich das Material und die Werkzeuge der Putzmacherin enthält; sie täuscht vor, auf dem Weg zur Kundschaft zu sein. Gay nutzt im Folgenden weitere Begriffe aus der Welt der Putzmacherin: den Fächer; den „Stoff“ gaze; den Ärmel, der ebenfalls ein Gewandteil war.

Nun aber der Text selbst:

Tis She who nightly strowls with saunt’ring Pace,
No stubborn Stays her yielding Shape embrace;
Beneath the Lamp her tawdry Ribbons glare,
The new-scower’d Manteau, and the slattern Air;
High-draggled Petticoats her Travels show,
And hollow Cheeks with artful Blushes glow;
With flattering Sounds she sooths the cred’lous Ear,
My noble Captain! Charmer! Love! my Dear!
In Riding-hood, near Tavern-Doors she plies,
Or muffled Pinners hide her livid Eyes.
With empty Bandbox she delights to range,
And feigns a distant Errand from the Change
Nay, she will oft the Quaker’s Hood prophane,
And trudge demure the Rounds of Drury-Lane.
She darts from Sarsnet Ambush wily Leers
Twitches thy Sleeve, or with familiar Airs,
Her Fan will pat thy Cheek; these Snares disdain,
Nor gaze behind thee, when she turns again.

John Gay, „Trivia; or the Art of Walking the Streets of London“. Buch III, Vers 267-284

John Gay ist uns heute am besten bekannt als Autor der Dreigroschenoper, „The beggar’s opera„; er kannte sich offensichtlich aus mit den ärmlichen Verhältnissen und Schichten der englischen Gesellschaft. Interessant war für mich auch, dass er eine Lehre bei seinem Onkel im Seidenhandel begonnen hatte; die Welt des Textilen war ihm also zumindest ansatzweise vertraut.-

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