Putzmacherei und Putzmacherin

Die Putzmacherin: Eine Schilderung 1841

Bekannt wurde Ludwig Eichler durch seine Beteiligung an der Revolution von 1848. Geboren im Jahr 1814 war er ein vielseitiger Schriftsteller und Publizist, wurde aufgrund seines politischen Engagements zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und lebte später bis zu seinem Tod 1870 als Obdachloser in Berlin. Geschrieben hat er viel, und zwischen 1840 und 1842 verfasste er Hefte mit Schilderungen von Berlin und den Berlinern. Dabei war im Jahr 1841 auch eine Schilderung der Putzmacherin.

Titelblatt "Die Putzmacherin" aus "Berlin und Berliner" von Ludwig Eichler 1841
Titelblatt „Die Putzmacherin“ aus „Berlin und Berliner“ von Ludwig Eichler 1841

Eichler gibt sich darin als Flaneur, der in der Stadt umherstreift und romantisch-lyrisch über ihre Bewohner*innen schreibt. Die Putzmacherinnen werden als ärmliche Arbeiterinnen geschildert, die auf eine Heirat hoffen, um ihr Leben in Sicherheit verbringen zu können:

„Diese armen Geschöpfe haben eine schiefe Stellung in der Welt; zum Dienen zu zart, zum gemächlich ohne Arbeit leben zu arm, temporisiren sie mit ihrer leichten Geschäftigkeit so lange, bis sich einmal vielleicht Gelegenheit findet zu einem festen Lebensziele, d. h. zur Heirath.“

Eichler, Ludwig: Berlin und die Berliner. Die Putzmacherin. Berlin 1841, S. 6

Interessant ist seine „sozio-demographische“ Beschreibung, die uns heute fast kitschig anmutet. Vermutlich kann es sich aber so oder ähnlich durchaus manchmal abgespielt haben:

„Sie ist gewöhnlich armer, aber anständiger Leute Kind, der Vater hat ein nothdürftiges Auskommen, sie besuchte eine Schule und wurde im Haushalte der Eltern fleißig zum Stricken und Nähen angehalten und versprach ein wirthschaftliches Mädchen zu werden; da starb der Vater, das kärgliche Einkommen entging dadurch seiner Familie, die Mutter mußte sich nach irgend einem Erwerb umsehen, ihre Wohnung beschränken, die entbehrlichen Sachen verkaufen, die Tochter, die noch im zarten Backfischalter stand, die Schule verlassen, um auch durch ihre Thätigeit Ewas zu erwerben, und der vor Kummer kränkelnden Mutter die Last zu erleichtern.“

Eichler, Ludwig: Berlin und die Berliner. Die Putzmacherin. Berlin 1841, S. 9

Putzmacherin aus "Berlin und Berliner" von Ludwig Eichler 1841
Putzmacherin aus „Berlin und Berliner“ von Ludwig Eichler 1841

Es folgt eine ausführliche Beschreibung der ersten Tage in einem „Modemagazin“, das offensichtlich aus einem „Herrn des Geschäftes“, einer Direktrice, die den Laden führt, und mehreren (die Zahl bleibt unklar) „Mädchen“ besteht. Das „Modemagazin“ wird hier synonym mit „Putzgeschäft“ verwendet, es besteht aus „Modewerkstatt“ und „Magazin“.

Nach einer Eingewöhnungsphase wird das junge Mädchen dann in der Werkstatt integriert, und hört dort davon, dass manche dort einen Geliebten haben. Das will nun auch sie – und Eichler schildert die erste Annäherung eines „Herrn“, der sie in ihrer ganzen Naivität schlichtweg verführt. Es kommt, wie es auch in schlechten Romanen kommen muss: sie wird verlassen und sucht sich nach einiger Zeit einen neuen Geliebten. Die Naivität ist einem Realismus gewichen, Träume waren gestern:

„Jetzt ist sie die wahre Putzmacherin, sie hat sich emancipiert, sie genießt das Leben so leicht, als sie kann, die kranke Mutter wird vernachlässigt, in freien Stunden, an Sonntagen mit den Genossinnen Vergnügungsparthien gemacht.“

Eichler, Ludwig: Berlin und die Berliner. Die Putzmacherin. Berlin 1841, S. 18

Eichler beschreibt ihr neues selbstbewußtes Auftreten: „Ihre Naivität ist gekünstelt, sie kennt das Leben und nimmt es von der humoristischen Seite.“ (ebd., S. 19). Sie wird zu einer Grisette nach französischem Vorbild, also eine Frau, die (z.B.) mit einem Studenten eheähnlich zusammenlebt, beide eher wenig solide, und ein solches Verhältnis ist immer nur auf Zeit angelegt. Aber:

„Die berliner Putzmacherin ist es werth, in dergleichen feste Zustände hineinzugerathen, und was die Moral anbetrifft, so dürfte auf der einen Seite dabei so viel gewonnen werden, als auf der andern verloren geht.
Bis die Zustände auf diese Weise sich auch bei uns werden festgestellt haben, wird die Putzmacherin immer Gefahr laufen, ihr Naturalisiren so lange fortzusetzen, bis sie in die ganz verachtete Klasse der Stegreifritterinnen hinabsinkt, und das ist ewig Schade, denn sie ist ursprünglich von gutem Stoffe, sie hat ein warmes Herz, sie schwärmt für Schiller, macht sich Abschriften von sentimentalen lyrischen Gedichten, und thut dadurch kund, daß der Kern ihres Herzens eigentlich edel ist.“

Eichler, Ludwig: Berlin und die Berliner. Die Putzmacherin. Berlin 1841, S. 20-21

Stegreifritter – so nannte man seinerzeit diejenigen, die von einem Tag auf den nächsten, quasi von der Hand in den Mund lebten, Heruntergekommene, Landstreicher. Keine schöne Vorstellung für eine Putzmacherinnenkarriere.

Einer der Auswege ist die Karriere als Direktrice, deren Charakterisierung sich Eichler in Folge zuwendet.

„Die Crême des Putzmacherinnen-Standes ist nun die Direktrice. Sie ist über die ärmlichen Klippen ihrer Untergebenen glücklich hinweg gekommen, hat sich einen guten Ruf bewahrt, und durch ihren Geschmack in Nachahmung und Benutzung neuer pariser Moden Berühmtheit und Beliebtheit bei vornehmen und reichen Damen erworben.“

Eichler, Ludwig: Berlin und die Berliner. Die Putzmacherin. Berlin 1841, S. 21

Als Direktrice weiß frau, wie man mit Kund*innen richtig umgeht, sie verfügt über Geschmack und läßt sich auf keine Liebeleien ein. In der Werkstatt führt sie ein eisernes Regiment, fördert aber auch ihre Lieblingsschülerinnen, die dann ggf. auch einmal eine ebensolche Karriere anstreben können. Eichler schließt:

„Das ist im Umrisse das Wesen der Putzmacherin; wir haben uns bei dieser Schilderung so viel als möglich aller frivolen Seitenblicke enthalten, wie reich auch nach dieser Seite hin der Stoff sich ausdehnen mochte. (…) Ich habe mich bestrebt, die Gemüthsseite in meiner Schilderung herauszuheben, und wenn es mir gelungen, durch das, was ich gesagt, den Leser befähigt zu haben, sich in die Lage der jungen Mädchen selbst hinein zu versetzen und weiter zu ahnen, was sich im innern und äußeren Leben derselben zuträgt, so ist der Zweck dieser flüchtigen Skizze erfüllt.“

Eichler, Ludwig: Berlin und die Berliner. Die Putzmacherin. Berlin 1841, S. 26

Insgesamt ist die „Schilderung“ von Ludwig Eichler eine merkwürdig essayistische Darstellung voll von Klischees und Sentimentalitäten. Gleichwohl – einige Schilderungen wirken lebensnah und geben zumindest das, was man ein „Sittenbild“ nennen würde.

Aus meinen eigenen Untersuchungen habe ich noch ein paar Zahlen zur Anzahl der Berliner Putzmacherinnen im Jahr 1840. Im Namensverzeichnis des Adressbuches waren 37 Putzmacherinnen verzeichnet, im Gewerbeverzeichnis waren es 35 Putzmacherinnen. Für den gesamten Putz- und Modewarenhandel habe ich im Adressbuch zusätzlich 77 Einträge gefunden, im Gewerbeverzeichnis 145 Einträge. Die Gesamtzahl der Einwohner betrug 322.626. Die rel. geringe Anzahl der Putzmacherinnen legt nahe, dass es sich hierbei um einzelne selbständige Putzmacherinnen gehandelt hat und das hier geschilderte „Modemagazin“ zum „Putz- und Modewarenhandel“ zählte. Die Gesamtzahl der einfachen Putzmacherinnen, wie sie hier von Eichler beschrieben wurden, dürfte jedenfalls größer gewesen sein als nur 35 bzw. 37 Personen.

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