Fundstücke Putzmacherei und Putzmacherin

Entbehrlichkeit des Putzes (1787)

Das „Journal des Luxus und der Moden“ hält so manche kleine Kostbarkeit bereit, die noch heute amüsant zu lesen ist. Der Herausgeber Bertuch bewies ja durchaus einen Sinn für Humor und – wenn angebracht – auch kritische Distanz zu den Verrücktheiten der Mode.

In der Septemberausgabe des Jahre 1787 findet sich das folgende Gedicht von Johann Baptist von Alxinger (1755-1797). Dazu gibt es im „Journal“ drei Anmerkungen, die ich hier vorwegschicke:

  • Das Sternchen im Titel (siehe Bild) wird erklärt als „Nach dem Properz, mit Veränderung der Moden und der Mythologie“. Diese Anmerkung wirkt zunächst kryptisch; offensichtlich wird ein Bezug zum römischen Dichter Properz hergestellt, der in seinen Elegien auch eroitische Themen ansprach. Dazu weiter unten mehr.
  • Außerdem wird der Begriff „Trompeuse“ erklärt: „Eine Trompeuse ist ein Berg von Nesseltuch vor dem Busen unserer Schönen. Sie ward von denen erfunden, die nichts zu zeigen hatten, sehr weislich, wie mich deucht, daher auch der Name Trompeuse: sie wird aber auch von denen getragen, die Etwas zu zeigen hätten: nicht eben so weislich.“ Ein heute nicht mehr so denkbarer Kommentar über das Dekolleté also… (tromper heißt im übrigen: täuschen)
  • Eine dritte Anmerkung findet sich zum Namen Rahel“: „Nach Luthers Üebersetzung Rahel: nach der Vulgata aber und der jüdischen Aussprache Rachel“.
Titelblatt des „Journal des Luxus und der Moden“ September 1787

Das Entbehrlichkeit des Putzes

Warum o Liebchen hüllt in gallische Dormeusen
Dein Haar sich, oder prangt mit Demanten besteckt?
Warum verbaust du mir mit neidischen Tiompeusen
Und gigantesken Strauß den lieblichen Prospekt?
Vertauschest, welch ein Tausch! dein Selbst um fremde Waren?
Den angebohrnen Reiz, der göttlich dich umwallt,
Um feilen? Lass den Tand, denn er verschönt nicht, fahren.

Cupid‘ ist nackt, und hasst erkünstelte Gestalt.
Sieh, wie der Boden sich mit eignen Blumen schmücket.
Wie ohne Gärtnerhand der Efeu weitet kreucht.
Wie ungepflegt sich mehr der Hagedorn verdicket.
Wie ungelehrt der Bach durch grüne Wiesen schleicht.
Sieh, wie die Muschel prangt von der Natur gemahlet,
Ununterwiesen uns die Biene Honig bringt.

Hellglänzendes Gestein an fernen Felsen strahlet
Und ohn‘ Ut-re-mi-fa der Vogel süßer singt.
Wars Sarens Flitterstaat, was tief den Liebesstachel
Ins Herz des Großpapas der Gläubigen gedrückt?

War’s Putz, was Isaacs Sohn an seiner schönen Rachel
In harter Dienstbarkeit durch vierzehn Jahr‘ entzückt?
Nein! beide borgten Reiz von keinen Edelsteinen,
Und wünschten frei von Putz- und von Eroberungssucht
Nicht einen Buhler-Schwarm um sich her zu vereinen:
Natur war ihr Geschmeid‘, ihr größter Reiz war Zucht.
Und doch ward ihr Gemahl nie müde sie zu küssen;
Der Zeit und dem Genuss hat ihre Lieb ‚ getrutzt.
Komm Liebchen, lass auch uns ein solches Bündnis schließen!
Die Einem Mann gefällt, die ist genug geputzt.

Alxinger

Journal des Luxus und der Moden, September 1787, S. 287/288

Zu Johann Baptist von Alxinger verweise ich gerne auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel. Ein Zitat daraus erläutert vielleicht den o.g. Hinweis auf Properz (die Original-Quelle ist leider derzeit nicht abrufbar):

„Alxinger arbeitete auch für die Allgemeine Literatur-Zeitung und lieferte Beiträge für Friedrich Schillers Horen, nahm jedoch in einem Brief an Nicolai deutlichen Anstoß an der Veröffentlichung von Johann Wolfgang Goethes erotischem Gedichtzyklus Römische Elegien in Schillers Zeitschrift: Properz durfte es laut sagen, daß er eine glückliche Nacht bei seiner Freundin zugebracht habe. Wenn aber Herr von Goethe mit seiner Italienischen Maitresse vor dem ganzen Deutschland in den Horen den con-cubitum [= Beischlaf] exerziert, wer wird das billigen? Das Ärgerliche und Anstößige liegt nicht in der Sache, sondern in der Individualität.

Zitiert von Heike Grundmann: Voyeurismus und Verdrängung – zur Rezeption von Shakespeares Sonnets. In: Deutsche Shakespeare-Gesellschaft (Hrsg): Wissenschaftliches Seminar Online, Ausgabe 2 (2004), S. 3.
Original-Quelle: Johann Baptist von Alxinger an Böttiger am 25.3.1797. Zitiert nach Goethe-Handbuch, hg. v. Bernd Witte u. a., Band I: Gedichte, (Stuttgart: Metzler 1996), S. 231.

Geschäftsfördernd war das Gedicht für Putzmacherinnen wohl eher nicht.

Wenn Ihnen der Beitrag gefallen hat, melden Sie sich gerne zum Newsletter von ansto.de an!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.