Fundstücke Putzmacherei und Putzmacherin

Die Putzmacherin Erna Henning 1921

Erneut habe ich den Lehrbrief bzw. das Gesellen-Prüfungszeugnis einer Putzmacherin erhalten. Erna Henning hat am 21. April 1921 ihre Prüfung mit sehr gut bestanden. Die völlige Missachtung des Geschlechts im Vordruck ist wenig überraschend man findet „der Lehrling“, „Sein Betragen“, „Der Vorsitzende“, „Meisterbeisitzer“ und „Gesellenbeisitzer“. Natürlich handelte es sich immer um Frauen… Das Zeugnis wurde von der Handwerkskammer in Altona ausgestellt. Altona war damals noch eine selbständige Stadt, die Verschmelzung mit Hamburg erfolgte erst 1938.

Erna Henning lernte in der Firma Hermann Hammerschlag, zu der ich bereits ausführlich geschrieben habe (siehe mein Beitrag zu „Gertrud Knop„). In diesem Zeugnis wird aber auch der Inhaber der Firma, Alfred Meyer, genannt. Zu ihm gibt es einen „Stolperstein“ in Hamburg, und ich zitiere daraus in Auszügen:

Alfred Meyer, geb. 18.4.1883 Eickel, U-Haft Fuhlsbüttel 14.5.1937, Zuchthaus Oslebshausen, deportiert ins KZ Auschwitz 14.1.1943, Tod dort 13.2.1943

Am 21. Oktober 1911 heiratete im Standesamt Altona II in Ottensen der Kaufmann Alfred Meyer, geb. 18.4.1883 in Eickel, damals Landkreis Gelsenkirchen, die Modistin Rosa Winsen, geb. 16.3.1880 in Hamburg. (….) Rosas Eltern lebten noch; ihr Vater, Ferdinand Winsen, trat als Trauzeuge auf. Er betrieb zusammen mit seiner Ehefrau Bertha, geb. Stern, in Altona das Hamburger Engros-Lager in der Bahrenfelderstraße 42/44 (…)

Alfred Meyer hatte nach dem Besuch der Volksschule eine kaufmännische Lehre abgeschlossen. (…) 1912, ein Jahr nach seiner Heirat, wechselte Albert Meyer von der Firma Alsberg zum Putz- und Damenmodengeschäft Hammerschlag in Altona, Schulterblatt 145. (…) 1914 erwarb Alfred Meyer als alleiniger Inhaber die Firma Hermann Hammerschlag und ließ sie im Handelsregister eintragen. Während er für das Kaufmännische zuständig war, lag die Leitung des Ateliers in der Hand seiner Ehefrau Rosa, die – wie schon ihre Mutter – in der Firma ihres Ehemannes arbeitete. Für das Kind und den Haushalt sorgte eine Haushälterin. (…)

Im Mai 1919 erhielt Alfred Meyer einen Reisepass mit einer einjährigen Gültigkeit für das Inland. Darin wird er von mittlerer Statur mit dunklen Haaren, braunen Augen und ovalem Gesicht beschrieben. Besondere Kennzeichen wurden nicht angeführt. Er musste sich beruflich umorientieren, denn es gab Differenzen mit Hermann Hammerschlag, der in der Wallburg am Neuen Wall 52/54 ein Spezialhaus für Putz eröffnet hatte und seinen Namen ausschließlich dafür gebraucht sehen wollte. Dem stand die Eintragung im Handelsregister entgegen, und Alfred Meyer gründete zusätzlich zu dem Geschäft am Schulterblatt drei Hutgeschäfte in Hamburg. Sie hielten der Inflation stand. 1924 erwarb Alfred Meyer noch einmal einen Reisepass, 1925 bestellte er einen Prokuristen.

Im April 1920 starb Ferdinand Winsen und wurde wie seine Schwiegermutter Bertha, geb. Frank, auf dem Jüdischen Friedhof in Bahrenfeld beigesetzt. Der Sohn Walther führte mit seiner Mutter Bertha, geb. Stern, die Firma in der Bahrenfelder Straße fort. (…)
Alfred Meyer war 1922 mit seiner Familie Mitglied der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg geworden, wechselte 1925 zur Hochdeutschen Israelitengemeinde zu Altona und zog nach Othmarschen in den Klein Flottbeker Weg 89.

Nach der Weltwirtschaftskrise drohte der Firma der Konkurs. Um ihn abzuwenden, wurde 1931 ein Vergleichsverfahren eingeleitet, das aber bald darauf wieder aufgehoben wurde. Nachdem die Prokura des Prokuristen erloschen war, wurde 1932 über das gesamte Vermögen der Firma das Konkursverfahren eröffnet. Es dauerte fünf Jahre, bis es abgeschlossen war und die Firma 1937 erlosch.

Nach dem Konkurs 1932 gründeten Alfred und Rosa Meyer zusammen mit Max Schwandt als persönlich haftendem Gesellschafter das „Haus der Hüte“ als GmbH mit einem Stammkapital von 20 000 RM, wovon Rosa Meyer die Hälfte einbrachte. Alfred Meyer wurde Geschäftsführer, Rosa Meyer die Directrice. In allen Geschäften zusammen waren 1934 insgesamt 26 kaufmännische Angestellte und acht Arbeiter beschäftigt. 1935 betrug der Gesamtumsatz 532 000 RM. (…)

Bis 1937 waren Alfred und Rosa Meyer leidlich durch die NS-Zeit gekommen. Ihr Sohn Helmuth Moritz war aus Angst vor einer möglichen Verhaftung nach Frankreich geflohen, ihr Neffe Walther nach Südafrika emigriert. Am 18. November 1937 wurde Alfred Meyer verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Ihm wurde „Rassenschande in zwei Fällen“ vorgeworfen, was mit einer Zuchthausstrafe von 7 Jahren plus Ehrverlust geahndet wurde. Das Urteil des Landgerichts Hamburg wurde am 25. November 1938 verkündet, bereits am 2. Dezember 1938 wurde er in die Strafhaftanstalt Bremen-Oslebshausen überstellt.

Die GmbH wurde im Februar 1938 aufgelöst und im August 1939 nach der Liquidation im Handelsregister gelöscht. (…) Alfred Meyer wurde aufgrund des Erlasses des Polizeichefs Himmler vom 17. September 1942, deutsche Gefängnisse, Zuchthäuser und Konzentrationslager „judenfrei“ zu machen, am 14. Januar 1943 nach Auschwitz verlegt, was sein Todesurteil war. Als sein Todestag gilt der 13. Februar 1943.

Stolpersteine Hamburg, Eintrag zu Alfred Meyer.

Die Geschichte von Alfred Meyer hat offensichtlich ein schreckliches Ende genommen. Für den Kontext „Putzmacherei“ bleibt festzuhalten:

  • Alfred Meyer gehörte eine der größeren / großen Hut- und Putzgeschäfte Hamburgs; er bildete selbst aus, sogar in wohl schwierigen Jahren (Lehrbeginn für Erna Henning war der 25. Februar 1919, also kurz nach dem Krieg).
  • Sichtbar wird in der Recherche der Zusammenhang zwischen Hamburger / Altonaer Hutgeschäften, namentlich der Firma Hermann Hammerschlag, die Alfred Meyer übernahm und – nach dem Konkurs – eine neue Firma gründete, das „Haus der Hüte“; er war überdies Schwiegersohn von Ferdinand Winsen, der das „Hamburger Engros-Lager“ aufgebaut hatte. Die Frau von Alfred Meyer, Rosa Meyer, war schon in zweiter Generation Putzmacherin.
  • Die Familie(n) waren offensichtlich jüdisch, allerdings auch mit nichtjüdischen Familienmitgliedern (daher der Hinweis auf „Rassenschande“). Dazu habe ich bereits in einem anderen Beitrag „Über die Jüdischkeit in der Textilindustrie“ geschrieben.

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