Fundstücke Textiles

Ein Textil-Cursus-Buch von 1866

Auf das „Textil-Cursus Buch“ von 1866 habe ich bereits in meinem Artikel über die Fachschulen für Textilindustrie verwiesen. Jetzt endlich wird es vorgestellt; zusätzlich habe ich Abbildungen im Archiv hinterlegt.

Laut – vermutlichem – Besitzervermerk auf der letzten Seite kommt das Cursus-Buch aus Krefeld; über „M. Hendrichs, Krefeld, Herderstr. 6“ ist leider keine weitere Information verfügbar. Er hat in schwungvoller Schrift umfangreiche Einleitungen zum 1. und zum 3. Teil seiner Sammlung geschrieben und die Kriterien erläutert, nach denen die Muster einzuordnen bzw. zu beschreiben waren. Zunächst ging es um die Decomposition glatter Stoffe:

„Sollen glatte Stoffe nach vorhandenen Proben oder nach der Phantasie gebildet werden, so hat man in mancher Hinsicht vorher Untersuchungen anzustellen, um die Regeln oder Grundsätze kennenzulernen, welche bei der Fabrikation dieses oder eines ähnlichen Stoffes zu beachten sind. Man nennt diese Untersuchungen die Decomposition oder Aussetzung eines Stoffes und hat bei derselben hauptsächlich auf folgende Punkte Rücksicht zu nehmen:

1. auf den Riethstand
2. auf das Bild des Musters und der Patrone
3. auf das Bilde des Musters und die Reduction
3. auf die Einpassierung und Schnürung ((Fehler in der Nummerierung??))
4. auf die Scheerung
5. auf die Kammeinrichtung
6. auf die Schuss- und Trittfolge.“

Quelle: Kursus-Buch Teil I S. 1

Diese 6 Punkte werden im Folgenden ausgeführt, bis dann die Musterblätter 1-32 folgen. Davon hier eine kleine Auswahl:

Der zweite Teil – „Die klein façonnirten Stoffe“ – wird nur mit einem Titelblatt eingeführt und bezieht sich inhaltlich auf die Erläuterungen des 1. Teils. Es folgen dann die Muster 33 – 141.

Beim dritten Teil „Die façonnirten Stoffe“ gibt es erneut eine ausführliche Einleitung. Auch hier findet sich wieder ein Kriterienkatalog, der nun deutlich erweitert ist:

„Bei der Decomposition eines façonnirten Stoffes sind Untersuchungen in Bezug auf folgende Punkte zu machen:

1. Der Riethstand
2. Die Reduction
3. Das Bilde des Musters oder die Patrone
4. Die Passierung
5. Die Scheerung
6. Die Harnischeinrichtung
7. Die Kammeinrichtung
8. Die Verbindung des Harnisches und der Maschine (Colletage)
9. Das Kartenschlagen
10. Die Schussfolge.“

Quelle: Kursus-Buch Teil III S. 2

Da auch die Jaquard-Weberei angesprochen wird, sind die Prozesse der Musterentwicklung und Webstuhleinrichtung ungleich komplexer. Der Einleitung folgen daher Abbildungen verschiedener Harnisch-Einrichtungen.

Nach der Beschreibung der verschiedenen Harnische folgen danach die Muster 145-257. Merkwürdiger Weise fehlen die Musterblätter 142-144, ohne dass ich ein fehlendes Blatt feststellen könnte. Die Muster verdeutlichen anhand der abgebildeten Patrone noch einmal, wie differenziert die Stoffkonstruktion bzw. „Decomposition“ sich gestaltete.

In der Zusammenstellung der deutschen Fachschulen für Textilindustrie werden Kurse für „Bindungslehre und Decomposition“ bei verschiedenen Fachschulen angeboten. Es handelte sich also um einen üblichen Ausbildungsinhalt.

Das „Große Textilhandbuch“, Hrsg. von Benno Marcus, Nordhausen (o.J.), widmet im Kapitel „Die mechanische Weberei“ der Dekomposition immerhin 21 Seiten (S. 300-321). Dabei wird gezeigt, wie wichtig eine genaue Analyse des Stoffes war, um eine Berechnung des benötigten Materials (Garnbedarf) leisten zu können – und damit eine wichtige Grundlage für die Kalkulation zu erlangen.

Als Fachautor zum Thema der Decomposition ist Franz Donat zu nennen, der nach den verfügbaren Angaben von Wikipedia am 17.10.1836 geboren und nach 1935 gestorben ist. Man findet folgende Titel von ihm (hier auch aus Wikipedia; manches ist über Antiquariate erhältlich):

  • Technologie, Bindungslehre, Dekomposition und Kalkulation der Jacquardweberei. Wien 1902.
  • Die färbige Gewebemusterung. Ein Lehrgang, Gewebe durch 2-6 färbige Anordnung der Ketten- und Schußfäden zu figurieren. A. Hartlebens Verlag, Wien und Leipzig 1907.
  • Methodik der Bindungslehre, Dekomposition und Kalkulation für Schaftweberei. 3. Aufl. A. Hartlebens Verlag, Wien und Leipzig 1908.
  • K. K. Fachschule für Textilindustrie in Wien. 36 Tafeln mit 360 Figuren und 122 Seiten Text. A. Hartlebens Verlag, Wien und Leipzig 1912.

Frühere Fachbücher habe ich nicht gefunden. Vielleicht erklärt sich dadurch auch die unglaubliche Sorgfalt, mit der hier ein ganzes Buch geschrieben und mit Mustern ausgestattet wurde.

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