Putzmacherei

Gros de Naples

Begriffserklärungen aus der Welt der Putzmacherei

Gros de Naples wird in den Beschreibungen der Damenmode des 19. Jh. sehr oft als wichtiger Ausgangsstoff benannt. Im Netz finden sich verstreut nur wenige Erläuterungen. Für den englischsprachigen Bereich ist die Website von Ruth Mills hilfreich. Der Eintrag in stofflexikon.com ist leider nicht mehr erreichbar. Hier einige weitere Quellen:

Eine erste Definition von Benno Marcus aus dem „Textil-Handbuch“

Gros de Naples, Seidenstoff aus 2- oder 3facher Kette und 3- oder 4fachem Schuß, die Ware hat einen weichen Grff und matten Glanz.“

Marcus, Benno, Hrsg.: Großes Textil-Handbuch. Ein Lehr-und Nachschlagewerk für das gesamte Textil-und Bekleidungsfach. Unter Mitwirkung zahlreicher namhafter Fachleute herausgegeben von Benno Marcus. Heinrich Killinger Verlagsgesellschaft m.b.H., Nordhausen o.J. Band 1, S. 415

Ähnlich die Definition im „Textil-Lexikon“ bei Hugo Glafey (1937):

Gros de Naples besteht in Kette und Schuß aus mehrfach zusammengenommenen Seidenfäden. Der Schuß kann auch ein einzelner, aber starker Faden sein. Durch diese Zusammenstellung erhält der Stoff Weichheit.“

Glafey, Hugo, Hrsg.: Textil-Lexikon. Handwörterbuch der gesamten Textilkunde.  Unter Mitwirkung von Fachgenossenherausgegeben von Hugo Glafey. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin 1937, S. 331.

Eine sehr ausführliche Definiton bietet J.G. Krünitz in der Oeconomischen Encyclopädie, die über die Uni Trier erreichbar ist:

„Gros de Tours, Grodetours, ein starker, ganz seidener Zeug, welcher eigentlich ein grober Taffet, und dicker und stärker ist, als die andern. Anfänglich kam dergleichen nur aus Neapel, und man nannte ihn daher Gros de Naples; es legten sich aber die Einwohner in Tours nachher stark auf dessen Verfertigung, und versahen auswärtige Plätze damit, daß fast keiner mehr aus Italien kam, und daher ist die Verwechselung der Nahmen entstanden, wiewohl Einige einen Unterschied zwischen Grodetours und Grodenapel annehmen, welcher darin besteht, daß am letztern die Kette und der Einschlag stärker ist, als am Grodetours, und daß er folglich noch stärkere Rippen hat. Jetzt wird dergleichen auch, von unterschiedenen Arten, in den Seiden=Manufacturen Deutschlandes gewebet.

Der Gros de Tours wird eben so, wie der einfarbige Taffet, gewebet, denn beyde haben einen glatten Grund, und sind nur darin von einander unterschieden, daß jener schwerer ist, welches vorzüglich von den vielfachen Einschußfäden herrührt. Es gibt insonderheit drey Arten dieses Zeuges. Der französische Gros de Tours ist 3/4, oder auch 7/8 Elle breit, und jedes Stück 50 Ellen lang. Er steht im Rieth des Blattes 900 Fäden hoch; in jedem einzelen Rieth sind 4 doppelte Fäden; folglich hat die Kette 3600 doppelte, oder 7200 einfache Fäden, die mit 45 Gängen, jeder Gang zu 80 doppelten Fäden geschoren werden. Bey dem Scheren werden jederzeit 2 Fäden zugleich eingelesen, welche aber hier nur so viel, als bey den übrigen Zeug=Arten ein einzeler Faden, gelten, und auch nur durch ein einziges Auge einer Kammlitze passieret werden. Kurz, dieser doppelte Faden vertritt die Stelle eines einzelen, und schon hierdurch erhält der Gros de Tours seine Stärke und Schwere. Diese Stärke wird aber noch dadurch vermehrt, daß jedesmahl 4 bis 6 Fäden zugleich eingeschossen werden, nachdem der Gros de <20, 114> Tours schwer seyn soll. Die zweyte Art heißt holländischer Gros de Tours. Dieser hat ein besseres und feineres Ansehen, als der französische. Er ist 3/4 Elle breit, und steht entweder gleichfalls 900, oder auch 1000, im Rieth. Im Rohr des Riethes sind 8 einzele Fäden, d. i. zwischen 2 und 2 Riethen des Blattes werden jederzeit 8 einzele Fäden einpassiert. Steht er 1000 im Rieth, so wird er mit 50 Gängen geschoren, jeden Gang zu 160 einzele Fäden gerechnet, und die Kette erhält überhaupt 8000 einzele Fäden. Bey dem Scheren wird nicht, wie bey dem französischen ein Doppelfaden eingelesen, sondern jedesmahl nur ein einziger, und eben dieser wird auch nur durch jedes Auge einer Kammlitze durchpassiert. Dagegen hat jeder Kamm zum holländischen Gros de Tours noch einmahl so viel Litzen, als zum französischen, wenn nähmlich beyde Arten 900 im Rieth des Blattes stehen. Mithin entsteht die Schwere des holländischen Gros de Tours dadurch, daß nicht nur viele Fäden dicht neben einander zu liegen kommen, sondern daß auch 4 bis 6 Fäden zugleich eingeschossen werden. Endlich gibt es drittens noch eine Art, die man gerippten Gros de Tours, oder auch Terzenelle (Terzinell) nennt. Dieser Zeug ist nur 9/16 breit, und soll billig 720 im Rieth stehen, erhält aber insgemein nur 700. Im Rohr sind 4 doppelte Fäden; und er hat also überhaupt in der ganzen Kette 2800 doppelte, oder 5600 einfache Fäden, die mit 40 Rollen zu 70 Gängen geschoren werden. Hieraus erhellet, daß bey dem Scheren allemahl 2 Fäden zugleich eingelesen werden, wie bey dem französischen Gros de Tours. Der vorzüglichste Unterschied dieses Gros de Tours von den übrigen Arten besteht darin, daß abwechselnd mit Fäden von verschiedener Dicke eingeschossen wird, wodurch das Gerippte entsteht. Daher webet man ihn mit 2 Schützen, wovon die eine einen sechs=die andere aber einen zweyfa<20, 115>chen Faden einschießt. Insgemein schießt der Seidenwirker einmahl mit dem sechsfachen, und hierauf zweymahl mit dem doppelten, ein, wodurch die Rippen entstehen; doch kann man auch noch auf verschiedene andere Arten mit dem starken und schwachen Faden abwechseln. Wenn der Weber drey Schüsse mit dem feinen, und alsdenn erst einen Schuß mit dem dicken Faden thut, so fallen alsdenn die Rippen nicht allein besser in das Auge, sondern es bilden sich auch, der Breite nach, Streifen, welche diesem Zeuge ein sehr schönes Ansehen geben.

Man kann auch den Gros de Tours, so wie den Taffet, changirt weben. In dieser Absicht nimmt man Seide von einer Farbe zur Kette, und von einer andern Farbe zum Einschlag, welches denn, zumahl wenn die abwechselnden Farben gut gewählet worden, dem Zeuge ein sehr schönes spielendes Ansehen gibt.“

Krünitz, Johann Georg. economische Encyclopädie, oder allgemeines System der Land- Haus und Staats-Wirthschaft, in alphabetischer Ordnung. Joachim Paul, Berlin 1773 – 1858

Vorschaubild abgerufen von MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst über Kulturpool

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