Fundstücke Textiles

Eine Stoffmuster-Karte von 1812

Echte Stoffmuster aus dem Jahr 1812 habe ich in einer Ausgabe der „Allgemeine Moden-Zeitung“ Nr. 30 vom 10. April 1812 gefunden. Üblich waren in den frühen Modezeitschriften des 19. Jh Modestiche, ab den 1850ern auch Schnittmuster, Stickpatronen usw. Die Modestiche wurden z.T. aufwändig koloriert, sodass wir heute eine Vorstellung von der (teils unglaublich intensiven) Farbigkeit der Kleidung haben (zur Kolorierung siehe mein Beitrag zu Modekupfer). Dennoch ist es etwas Besonderes, auch echte Textilien sehen und fühlen zu können. Aus dieser Zeit gibt es nur rel. selten Original-Kleidungsstücke, die i.d.R. museale Qualität haben, oder eben alte Stoffmusterbücher, von denen nur wenige erhalten sind.

Ich zitiere den Text dazu:

  • „Sub. a. einen Sersikas zu Damenkleidern, wovon wir mehrere Sorten, auch in anderen Streifen besitzen und welcher besonders für den Sommer eine sehr beliebte und angenehe Tracht ist; die Farben sind ganz ächt. 7/4 breit, der Preis 1 Thlr 4 Gr. die Elle.“
    (Unter „Sersikas“ habe ich nichts gefunden. Es handelt sich um eine Leinwandbindung, die Kettfäden sind farbig, der Schuss einfarbig (vermutlich war die Farbe einmal weiß). Nachtrag: Es handelt sich wohl um „Sirsakas“, ein Stoff, der in der Oktober-Nummer 1813 des „Journal des Luxus und der Moden“ (Bertuch) auftaucht als „Der Modestoff Sirsakas“:
    „Unter die neuen Modestoffe gehört auch der Sirsakas. Es ist ein gestreiftes Zeuch, halb Seide, halb Baumwolle, ursdprünglich aus Indien, durch die Industrie eines französischen Manufacturisten wird er jetzt aber auch in Frankreich gefertigt. Die Schwierigkeit war, der Seide, ohne ihr zu schaden, einen Theil ihrer Elasticität zu nehmen, damit sich der Stoff in Verbindung mit Baumwolle, recht kräuselt. Dieses ist obigen Manufacturisten gelungen; der französische Sirsakas ist mit oder ohne Appretur ein vollkommen gleicher Stoff; außerdem hat er das Schöne, dass er Glanz von sich giebt.“
    Diese Erläuterung erschien, wie gesagt, im Oktober 1813, unter der Überschrift „Pariser Modenbericht. Im September 1813.“, erreichte die Leser*innen also mit etwas Verspätung.
  • „Sub. b. ein grün gestreifter Cambrick, in welchem Geschmack wir auch in anderen Farben, als Rosa, lilas, blau, chamois zc. Vorräthe haben. Diese Zeiche finden wegen ihrer Einfachheit und Solidität vielen Beifall. 7/4 breit, der Preis ist 1 Thlr. 2 Gr. 5/4 breit, 16 Gr. die Elle.“
    (Mit „Cambrick“ düfte wohl Kambrik gemeint sein:
    „Kambrik (Wäschefeintuch). Bezeichnung für feine Hemden- und Wäschetuche oder Batiste, die in Weiß- und Pastellfarben in den Handel kommen. Hochwertige Makogewebe, die für feine und feinste Wäsche, Unterkleidung, Blusen, Babywäsche, Kinderkleidchen, Taschentücher Verwendung finden.“ (Jaumann, A.: Textilkunde. Heinrich Killinger, Nordhausen 1938, S. 344). Überraschender Weise gibt es einen weiteren Eintrag zu Kambrik:
    „Kambrik (Gittertuch). Unter dieser Bezeichnung kommt eine unifarbene oder farbig gemusterte poröse Baumwollware in den handel. Die Bindung ist die bekannte Stramin- oder Aidabindung, bei welcher aber ein Rapport nicht 8 Kett- und 8 Schussfäden hat, sondern 8 Kett- und 6 Schussfäden.“ (ebd., S. 348). Meinem Verständnis nach ist hier diese zweite Definition die richtige.)
  • „Sub c. ein uni-Merinos-Cattun. 7/4 breit, 16 Gr. die ElleDiese Cattune werden zu Damenkleidern und anderen Bestimmungen viel gekauft.“
    (Es dürfte sich um einen leichten Wollstoff handeln (=Merino); auch meine Brennprobe scheint das zu bestätigen. Der Begriff „Cattun“ bezieht sich wohl auf die Dichte. „In der Baumwollweberei versteht man z.B. unter Kattun 18/18, 36/42 ein leichtes Gewebe, bei dem sich 19 Kettfäden englische Nummer 36 und 18 Schußfäden englische Nummer 42 auf dem Raum von je 1/4 französischem Zoll (0,675 cm) befinden.“ (a.a.O., S. 340)
  • „Sub. d. ist ein solcher gestreifter Reps, wie man sie für den angehenden Sommer jetzt am meisten sucht und diese Art scheint die zeither beliebten kleinern Muster zu verdrängen; wir haben auch davon in anderen streifen, als Rosa, grün, gelb ein Sortiment. Das Gilet oder die Elle kostet 2 Thlr.“
    (Reps = Rips, Stoff in Ripsbindung, einer Variante der Leinwandbindung)

Dann folgt noch der Kommentar des Verlages (Die Allgemeine Moden-Zeitung erschien im Verlage des Industrie-Comptoir in Leipzig als „Zeitschrift für die gebildete Welt, herausgegeben von Dr. J. A. Bergk.“) zum Anbieter („Siegel und Balthasar in Leipzig“):

„Obige Handlung zeichnet sich durch Geschmack, Billigkeit, prompte Bedienung und dirch ein großes Waarenlager auf hiesigem Platz sehr vortheilhaft aus; wir können dahero Ihre Handlungs-Firma unsern Herren Interessenten mit allem Recht empfehlen.“

Weibliche Interessentinnen schien es also kaum gegeben zu haben. Oder lag es daran, dass das Abonnement einer solchen Modezeitung mit ihrer unstrittig weiblichen Zielgruppe immer über den Mann als wirtschaftlich zuständige Person abzuschließen war?

Die Firma Siegel und Balthasar schaltete Anzeigen für hochwertige Stoffe und Thee – beides (Luxus-)Waren für die Damen der Gesellschaft, z.B. in der Leipziger Zeitung 1816:

Titelvignette der Leipziger Zeitung vom 26. November 1816
Anzeige der Firma „Siegel und Balthasar“ zu Stoffen und Thee aus der Leipziger Zeitung vom 26. November 1816

Auch im „Intelligenzblatt der Zeitung für die elegante Welt“ findet sich eine Anzeige der Firma für Thee und französischem Porzellan:

Anzeige der Firma „Siegel und Balthasar“ zu Thee und Porzellan aus dem „Intelligenzblatt der Zeitung für die elegante Welt“ vom 26. Juni 1821

In der Augabe 11 vom 11. März 1808 desselben Intelligenzblattes zeigt Johann Friedrich Gleditsch das Erscheinen des März-Heftes seines „Journal für Fabriken, Manufakturen, Handlung, Kunst und Mode, Jahrgang 1808“ an mit dem Hinweis: „Beigefügt sind diesem Hefte: … Natürliche Zeuchmuster aus dem Magazin der Herren Siegel und Balthasar in Leipzig“. Offensichtlich war Siegel und Balthasar eine Firma, die leistungsfähig genug war, um auch solche Werbemaßnahmen zu ergreifen bzw. entsprechende Nachfrage befriedigen zu können.

Anzeige für das „Journal für Fabriken, Manufakturen, Handlung, Kunst und Mode, Jahrgang 1808“ im „Intelligenzblatt der Zeitung für die elegante Welt“ vom 11. März 1808

Bleibt noch die schwierige Frage nach den Maßen und Preisen zu klären. Die Stoffe liegen 7/4 breit (in einem Fall auch 5/4) und werden in Ellen gemessen. Eine Elle waren in Sachsen lt. Wikipedia 56,64 cm. Entsprechend waren 7/4 = 99,12 cm, und 5/4 = 70,8 cm. Die Maßeinheit „Gilet“ entsprach (wohl) einer Elle. Die Webbreite finde ich sehr groß. Hier ist noch zu prüfen, ob hier wirklich die Elle zugrunde lag.

Ein Thaler entsprach 1812 lt. Wikipedia 24 Groschen; das passt auch mit der Umrechnung der Preise. 7/4 kosteten 1 Thlr 2 Groschen, = 26 Groschen, demnach 1/4 = 3,714 Gr. 5/4 kosteten 16 Groschen, also 1/4 = 3,2 Groschen. Passt!, das breitere Tuch war allerdings deutlich teurer.

Zum Preisvergleich ist sicher die obige Ankündigung von Herrn Gleditsch hilfreich. Für ein Jahr mit 12 Heften kostete das „Journal für Fabriken, Manufakturen, Handlung, Kunst und Mode, Jahrgang 1808“ 8 Thlr. sächsisch. Das war soviel wie knapp zwei Meter von einem der Stoffe. Es scheinen also wirklich luxuriöse Tuche gewesen zu sein.

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