Fundstücke Putzmacherei und Putzmacherin

Fanny the little Milliner – die kleine Putzmacherin

Eine weitere literarische Bearbeitung des Themas „Putzmacherei“ bietet „The little Milliner“. Der genaue Titel weist noch auf den Kontext hin. „Rowcroft, Charles: Fanny the little Milliner or The Rich and the Poor. Smith, Elder & Co., London 1846“. Der Autor wird der zeitgenössischen Leser*in auf dem Schmutztitel weiter empfohlen: „Charles Rowcroft, Esq., Author of „Tales of the Colonies; or the Adventures of an Emigrant“ „The Man without a Profession“ etc.etc.“ Einige weitere Werke sind aktenkundig; eine ausführliche Biographie findet sich im „Australian Dictionary of Biography„. Er gilt als einer der ersten australischen Autoren.

Im vorliegenden Werk spielt diese Auslandserfahrung aber keine wahrnehmbare Rolle. Erzählt wird eine verwickelte Geschichte. Lord Sarum, nach unglücklicher Liebe und heimlicher Heirat mit einer Italienerin, kehrt nach England zurück. Sie reist ihm nach, und er erfährt , dass sie auf dem Weg umgekommen sein soll; die kleine Tochter (von der er noch nichts wusste) ist verschollen. Er heiratet erneut; niemand weiß von seiner alten Verbindung bzw. der Tochter. Diese Tochter – die titelgebende Fanny – ist durch Zufall wieder nach London gekommen und dort als junge Frau Putzmacherin geworden. Sie begegnet Lady Sarum und wird deren Schützling. Fanny hat Verehrer aus dem aristokratischen Umfeld – und die Verwicklungen nehmen zu. Sie enden in einem großen Finale. Bei einer Reise nach Italien trifft Fanny ihre Mutter wieder, ihre unstrittige Abstammung von Lord Sarum wird bestätigt, und auf den letzten Seiten des Romans sterben etliche der unglücklich verwickelten Personen: Fanny’s italienische Mutter sowie der Vater von Lord Sarum, der in der Geschichte eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Wenige Seiten darauf stirbt auchLord Sarum und seine Ehefrau. Am Ende heiratet Fanny Lord Manley, einen ihrer Verehrer, bleibt also der Aristokratie erhalten.

In ihrem Essay „“A heavy Bill to settle with Humanity“: The Representation and Invisibility of London´s Principle Milliners and Dressmakers“ (Quelle s. unten beim Zitat) ordnet Nicola Pullin den Roman in den sozialgeschichtlichen Kontext ein. Der (erweiterte) Titel „The Rich and the Poor“ weist auf eine Formulierung von Benjamin Disraeli (1804-1881) hin, erfolgreicher Autor und zweimal britischer Premierminister. Der oft thematisierte und dramatisierte Gegensatz zwischen Reich und Arm wird hier explizit thematisiert. Die konservative Lösung für das Klassenproblem ist ein paternalistischer Ansatz: Die Reichen haben sich um die Armen väterlich zu kümmern. So geschieht es auch hier. Die Heldin Fanny, schon äußerlich der Aristokratie zugehörig, heiratet später wieder in die Aristokratie ein. In einem Nebenstrang wird gleichzeitig das teils prekäre Leben der Landarbeiterschaft aufgegriffen, inkl. eines – dann doch nicht stattfindenden – Aufstandes. „Lord Sarum“ zeigt sich als „verständnisvolle Herrschaft“, sodass ein echter Konflikt vermieden wird.

Pullin weist darauf hin, dass in „Fanny“ ausnahmsweise einmal die „middle class“, hier vielleicht als „bürgerliche Klasse“ übersetzt, überhaupt vorkommt:

„In The Young Milliner, the apprentice did not blame Madame Mineau for the exhausting work hours, because she realized that her employer could not afford to refuse work, and that the ladies‘ demands were reasonable. This was the reason most often cited by the principal milliners themselves in the Employment Commission’s 1843 report.“

Pullin, Nicola: „A heavy Bill to settle with Humanity“: The Representation and Invisibility of London´s Principle Milliners and Dressmakers“. In: Harris, Beth, Hrsg.: Famine and Fashion. Needlewoen in the Nineteenth Century. Routledge, London / New York, 2016, pp. 214-228.

Faktisch gehörte lt. Pullin ein großer Teil der „Arbeitgeber“ im Putzmacher- oder Schneidereigewerbe der bürgerlichen Klasse an, die aber in der Diskussion um Arm oder Reich unterhalb des Radars blieb. Gleichwohl waren diese oft sehr kleinen Betriebe verantwortlich für das Wohl und Wehe ihrer Angestellten – besser: für deren Lebensumstände zwischen Verhungern, Prekariat und kleinbürgerlichem Auskommen.

Zum Schluss noch ein Zitat aus dem Roman; Fanny äußert gegenüber einer Freundin:

„…I must say, from what my own experience has taught me, that there is not so much difference in the happiness and the enjoyments of the upper and the lower classes as the vulgar suppose. (…) The rich are not, in fact, happier than the poor; they only appear so. The rich have the cares, the anxieties, and the mortifications wich appertain to their state, as the poor have the privations and sufferings which belong to their own.“

Rowcroft, Charles: Fanny the little Milliner or The Rich and the Poor. Smith, Elder & Co., London 1846, S. 396-297

Allerdings waren die „anxieties“ der Reichen wohl seltener so lebensbedrohlich wie die „privations“ der „lower classes“, zu denen Hunger und Elend zählten.

Literarische Texte zur Putzmacherei:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.