Fundstücke Putzmacherei und Putzmacherin

Vanity – Confessions of a Court Modiste 1901

Ein „Modist“ war früher im englischen Sprachgebrauch ein Beruf zwischen Modeschöpferin und Schneiderin. In Deutschland ist die Modistin heute das, was bislang eine Putzmacherin war. Alles etwas verwirrend… Jedenfalls war der hier vorgestellte Roman nah genug an der Putzmacherei, um hier kurz vorgestellt zu werden.

Das Buch ist 1901 bei Fisher Unwin erschienen und nennt als Autorin „Rita“, die laut Titelblatt offensichtlich schon eine ganze Zahl weiterer Werke geschrieben hat. „Rita“ war das Pseudonym von Eliza Humphreys (1850-1938), geboren als „Eliza Margaret Jane Gollan“, und in der Tat hat sie laut Wikipedia ca. 120 Werke veröffentlicht. Sie nutzte später nach ihrer zweiten Heirat auch den Namen „W. Desmond Humphreys“.

Porträt der Autorin Desmond Humphreys
Porträt der Autorin Desmond Humphreys

„Vanity“ ist das fiktive Tagebuch einer Frau, die sich als Modistin in London etabliert und dabei die Eitelkeiten der besseren Gesellschaft kennenlernt und bedient. Sie hat – auch aufgrund der Unterstützung zunächst einer Freundin, dann aber auch eines irischen Modeexperten – viel Erfolg; die Geschichte spitzt sich aber dramatisch zu, als sie sich in besagten Modeexperten verliebt, gleichzeitig aber ihr totgeglaubter erster Ehemann auftaucht, der sie dann zu erpressen versucht. Nun, die Geschichte geht bittersüß aus; der Ehemann verübt einen Mordanschlag auf den Geliebten, wird gefasst und bringt sich im Gefängnis um. Der Weg wäre nun frei, indes verzichtet die Ich-Erzählerin auf ihr Glück zugunsten einer anderen – und widmet sich weiter und für die Zukunft den Eitelkeiten der Gesellschaft.

Soweit, so gut. Man kann das Buch geflissentlich wieder vergessen, bzw. als ein Kuriosum der Modeliteratur erinnern. Interessant fand ich aber einige kleine Bemerkungen, die offensichtlich damals selbstverständlich waren:

„I at once set about cutting out Lady Farringdon’s bodice, and gave full instructions to skirt and sleeve hands as to their respective duties.
‚It must be finished and delivered to-morrow night, mind, without fail. Every piece of work I promise has to be ready when promised. It is my principal rule and on no account to be broken‘.
The staff acquiesced meekly, and I left them to their work.

Ebd., S. 42

Ganz selbstverständlich wurde erwartet, dass ein Kleid über Nacht fertig gestellt wurde, wenn es die Modistin versprochen hatte. Solche Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnisse waren 1901 also noch „normal“!? An anderer Stelle wird die Personalführung direkt thematisiert:

„‚Behind the scenes‘ of any profession, business, or public employment has always its disenchanting side. I had the quarrels and jealousies of the workroom as well as the showroom to combat. My chief assistant was, fortunately, possessed of an angelic temper, but she was the exception. Wrangling and back-biting, ‚tiffs‘ and tongue slashing, made things lively for all of us only too often, and when I gave ‚a piece of my mind‘ to any of the culprits it was no uncommon thing to see them fling down their work and march off, with the information that places as good as mine were to be had for the asking. A contretemps of this sort, in the midst of a large wedding order, was enought to upset anyone’s temper, and I am afraid I lost mine oftener than was diplomatic.“

ebd., S. 171-172

Fachkräftemangel war auch 1901 schon ein Thema, und insofern ist überraschend, dass es dennoch zu den oben geschilderten Forderungen kam, auch über Nacht ein Kleidungsstück fertig zu stellen.

Ein paar Seiten weiter wird ein weiteres wichtiges Thema angesprochen, das im Laufe des Buches immer wieder eine Rolle spielt:

„… and after that I looked für Fortune and Fame with eager hope. If only cheques had poured in as lavishly as orders I should have been quite contented, bit while I had to be constantly handing out ready money for weekly wages, for materials, or trimmings at big shops, for rent and taxes and repairs, and the thousand-and-one expenses of my establishment, none came in to me, and Abraham’s rate of interest was very high.“

ebd., S. 59

Die schlechte Zahlungsmoral ihrer Kundinnen war eines der großen Probleme, und wird immer wieder Thema; offensichtlich kam es durchaus vor, dass Kundinnen dann einfach ihre Modistin wechselten, wenn die Rechnungen zu dringlich wurden.

Bemerkenswert fand ich darüber hinaus, dass die Wiener Mode als eigenständig und wichtig wahrgenommen wurde. Paris war zwar das modische Zentrum, es gab aus britischer Sicht offensichtlich auch noch an anderen Orten interessante Mode.

Natürlich ist klar, dass es sich bei diesem Buch nicht um eine Reprotage handelt, um einen Tatsachenbericht, sondern um ein fiktives Tagebuch. Gleichwohl kann ich mir gut vorstellen, dass die geschilderten Arbeitsverhältnisse, das Setting der Geschichte recht nah an der Wirklichkeit gewesen ist. Insofern gab es auch hier wieder etwas zu lernen…

© Copyright Anno Stockem 2022

Literarische Bearbeitungen der Putzmacherei:

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